Wie sieht eine mädchengerechte Stadt aus?

Im ersten Teil unserer Reihe haben wir gezeigt, wie eine frauengerechte Stadt aussieht: kürzere Wege, bessere Beleuchtung, Care-Infrastruktur. Doch die Bedürfnisse von Mädchen und jungen Frauen (etwa 12 bis 21 Jahre) unterscheiden sich deutlich von denen erwachsener Frauen. Eine Stadt, die für erwachsene Frauen gut funktioniert, ist nicht automatisch auch für Mädchen gut.

Warum? Weil Mädchen eine besondere Lebensphase durchlaufen: Sie werden selbstständiger, testen Grenzen, suchen Rückzugsorte mit Gleichaltrigen – und sind gleichzeitig besonders verletzlich. Sie haben kaum Geld, oft kein Auto, sind auf ÖPNV und zu Fuß angewiesen. Und sie meiden Orte, an denen sie sich unsicher fühlen – das schränkt ihre Freiheit massiv ein.

Eine mädchengerechte Stadt nimmt diese spezifischen Bedürfnisse ernst. Sie schafft Räume für Begegnung, Selbstbestimmung und Sicherheit – ohne Bevormundung.

Was Mädchen anders brauchen als erwachsene Frauen

BedürfnisErwachsene FrauenMädchen (12–21)
WegeEffiziente Ketten (Kita–Arbeit–Einkauf)Vernetzte Routen mit Umwegen (Freunde, Läden, Treffpunkte)
AufenthaltSitzbänke zum AusruhenHängematten, Sitzstufen, Nischen zum Quatschen
SicherheitVermeidung von Angsträumen (Unterführungen, Parks bei Nacht)Vermeidung von Orten mit Erwachsenenkontrolle und Belästigung
PartizipationBürgerforen, WorkshopsSafety Walks, Fotoprotokolle, künstlerische Beteiligung

Die entscheidende Erkenntnis: Mädchen wollen nicht „beschützt“ werden, sondern eigene Räume erobern. Sie brauchen Angebote, die weder kindlich (Spielplatz) noch rein erwachsen (Büroviertel) sind.

Die Säulen einer mädchengerechten Stadt

1. Aufenthaltsqualität: Hängematte statt Parkbank

Mädchen nutzen öffentliche Räume anders als Jungen oder Erwachsene. Sie wollen sehen und gesehen werden – aber nicht im Rampenlicht stehen. Ein Bolzplatz oder ein Basketballkäfig ist für sie oft abschreckend, weil er von Jungen dominiert wird.

  • Anders planen: Nischen, Hängematten, Sitzstufen, Schaukelbänke, überdachte Bereiche – Orte mit guter Übersicht, aber leichter Abgrenzung. Wichtig ist eine Mischung aus Aktivitätszonen (Tischtennis, Calisthenics) und Rückzugsorten, die für Erwachsene nicht voll einsehbar sind.
  • Beispiel: In Wien gestalteten Mädchen einen Park um – der Bolzplatz blieb, aber sie ergänzten eine überdachte Bühne, Hängematten und sonnige Sitzgruppen. Die Nutzung durch Mädchen stieg um das Dreifache.

2. Sicherheit: Nicht nur Licht, sondern Sicht

Mädchen haben ein besonders sensibles Gespür für unsichere Orte – nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Sie meiden Unterführungen, verwinkelte Wege, schlecht beleuchtete Bushaltestellen, aber auch Orte mit zu viel Erwachsenenpräsenz (z.B. reine „Mütterparks“).

  • Anders planen: Safety Walks mit Mädchen – sie begehen abends in ihrer Kleidung und mit ihren Routen die Stadt und markieren Angsträume. Oft reicht nicht mehr Licht, sondern bessere Sichtachsen (weniger dichte Büsche) oder Notrufsäulen an Hotspots.
  • Beispiel: In Reykjavík ließen Mädchen einen Schulweg umgestalten – sie forderten eine gerade, beleuchtete Verbindung statt eines Schleichwegs durch Gebüsch. Die Stadt setzte es um, die Mädchen nutzen den Weg seither auch im Winter.

3. Mobilität: Bezahlbar, vernetzt, für Gruppen geeignet

Mädchen haben wenig eigenes Einkommen (Taschengeld, Minijob) und sind daher auf kostengünstige oder kostenlose Mobilität angewiesen. Sie bewegen sich oft in Gruppen – nebeneinander gehen, quatschen, spontan den Weg ändern.

  • Anders planen: Günstige oder kostenlose ÖPNV-Tickets für Jugendliche, Fahrradabstellanlagen an zentralen Treffpunkten, Gehwege, die breit genug für zwei bis drei Personen nebeneinander sind (mindestens 2,50 m). Keine Umwege über dunkle Unterführungen – stattdessen direkte, einsehbare Verbindungen.
  • Wichtig: Mädchen machen seltener Führerscheine als Jungen. Eine gute Bus- und Bahnanbindung ist für sie existentiell.

4. Öffentliche Toiletten: Nicht nur sauber, sondern sicher & zugänglich

Dieser Punkt wird oft unterschätzt: Mädchen brauchen häufiger öffentliche Toiletten als erwachsene Männer (Menstruation, kleinere Blase). Fehlen sie, meiden sie ganze Quartiere.

  • Anders planen: Kostenlose, saubere, gut beleuchtete Toiletten mit kostenlosen Menstruationsprodukten – idealerweise mit direktem Sichtkontakt von einer stark frequentierten Fläche (nicht in dunklen Unterführungen oder hinter Ecken). Automaten mit Binden und Tampons sollten selbstverständlich sein.

5. Partizipation: Planen mit, nicht über Mädchen

Mädchen werden in klassischen Bürgerbeteiligungsformaten (abendliche Ratsversammlungen, trockene Fragebögen) kaum erreicht. Sie brauchen kreative, niedrigschwellige Methoden.

  • Anders planen: Mädchen-Werkstätten, Fotoprotokolle („Zeig mir deine Angsträume“), künstlerische Beteiligung (Graffiti-Workshops, Stadtteil-Apps). Wichtig ist, dass die Ergebnisse ernst genommen werden – sonst kommen Mädchen nicht wieder.
  • Beispiel: In Berlin-Neukölln erstellten Mädchen mit einer Planerin eine „Mädchenkarte“ mit Orten, die sie mögen (und solche, die sie meiden). Die Karte floss in die Bezirksentwicklung ein.

Was eine mädchengerechte Stadt nicht braucht

  • Keine klassischen Spielplätze mit Klettergerüst und Rutsche (die sind für Kleinkinder).
  • Keine reine Verkehrssicherheit (Zäune, Ampeln) – Mädchen wollen Autonomie, nicht Käfige.
  • Keine starke Erwachsenenpräsenz (Mütter-Cafés, Seniorentreffs) – sie wollen unter sich sein.
  • Keine belehrenden Schilder („Hier ist Ballspiel verboten“) – sie wollen Aushandlung, nicht Verbote.

Beispiele aus der Praxis

  • Wien (Per-Albin-Hansson-Siedlung): Mädchen im Alter von 13 bis 17 Jahren wurden eingeladen, einen ungenutzten Park umzugestalten. Ergebnis: Der Bolzplatz wurde verkleinert, eine Sitzbühne mit Überdachung gebaut, Hängematten aufgehängt, Wegbeleuchtung verbessert. Die Mädchen nutzen den Park heute regelmäßig – und auch jüngere Kinder profitieren.
  • Reykjavík (Island): Die Stadt führte „Girls‘ Night Walks“ durch, bei denen Mädchen ihre Schulwege und Bustreffpunkte bewerteten. Auf ihren Wunsch hin wurden Hecken zurückgeschnitten, Laternen nachgerüstet und ein Gehweg begradigt. Die Kriminalitätsfurcht sank um 40 %.
  • Barcelona (Superblock Poblenou): Bei der Umgestaltung einer ehemaligen Durchfahrtsstraße in eine Spielstraße wurden spezielle Mädchen-Workshops durchgeführt. Die Mädchen wünschten sich Tische zum Quatschen, eine kleine Bühne und weniger Ballspielflächen – all das wurde umgesetzt.

Fazit: Eine mädchengerechte Stadt ist eine jugendgerechte Stadt

Mädchen sind keine „kleinen Frauen“ und keine „großen Kinder“. Sie haben eigene Bedürfnisse, die zwischen Autonomie und Schutz, zwischen Gruppe und Rückzug, zwischen Aneignung und Sicherheit changieren.

Eine Stadt, die diese Bedürfnisse ernst nimmt, investiert in:

  • Begegnungsorte mit Überdachung und Sitzgelegenheiten (keine leeren Betonflächen)
  • Beleuchtung und Sichtachsen (keine dunklen Angsträume)
  • Partizipationsformate auf Augenhöhe (keine Alibiveranstaltungen)
  • Günstige Mobilität und saubere Toiletten (keine Hürden für Teilhabe)

Das Gute: Was Mädchen nützt, nützt oft auch Seniorinnen (die ebenfalls Sitzgelegenheiten und Beleuchtung brauchen) oder Menschen mit Behinderung (die barrierefreie Wege benötigen). Die mädchengerechte Stadt ist ein Gewinn für alle.

Im nächsten Teil unserer Reihe: Wie sieht eine kindergerechte Stadt aus – und warum sie sich so stark von der mädchengerechten unterscheidet.

Und am Ende ist vor allem die Frage interessant, wie denn die Stadt für alle aussehen muss. Dieser Frage gehen wir zusammenfassend hier nach!

Haben Sie selbst in Ihrer Jugend Orte geliebt oder gemieden? Schreiben Sie uns!


Hinweise auf Literatur oder für die weitere Suche:

  • Eva Kail, Gender Planning in Wien (2019)
  • Creating Places that Work for Women and Girls (Marina Milosev, 2022)
  • Studien des Female Network

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