Wie sieht eine männergerechte Stadt aus?

Nach den Beiträgen zu frauen-, mädchen-, kinder-, jungen-, senioren- und behindertengerechter Stadt schauen wir nun auf die männergerechte Stadt. Auf den ersten Blick mag diese Frage überraschen: Ist die Standardstadt nicht ohnehin auf den erwerbstätigen, autofahrenden Mann zugeschnitten? Braucht es da überhaupt ein eigenes Konzept?

Die Antwort ist differenziert. Ja, viele Strukturen der modernen Stadt sind historisch von einem impliziten Männerbild geprägt: dem Vollzeitarbeitnehmer, der morgens mit dem Auto ins Büro fährt, abends zurückkehrt und keine Care-Wege hat. Wer in dieses Raster fällt, findet in der Stadt vieles vor, was seinen Bedürfnissen entspricht – oft auf Kosten anderer.

Doch dieses traditionelle Männerbild ist nicht mehr zeitgemäß. Viele Männer sind heute Väter in Elternzeit, Alleinerziehende, Pflegende von Angehörigen, Teilzeitbeschäftigte oder Menschen, die einfach keine Lust auf das Klischee des „harten Kerls“ haben. Auch sie haben spezifische Bedürfnisse – und die werden in der Standardplanung ebenso übersehen wie die von Frauen.

Eine männergerechte Stadt nimmt diese Vielfalt männlicher Lebensrealitäten ernst, korrigiert blinde Flecken der alten „Norm“ und schafft Räume, in denen sich alle Männer – ob jung oder alt, ob sportlich oder eher ruhig, ob alleinstehend oder mit Familie – willkommen fühlen.

Männergerecht vs. frauengerecht vs. jungengerecht – ein Vergleich

BedürfnisMännergerecht (erwachsene Männer)Frauengerecht (erwachsene Frauen)Jungengerecht (6–14 Jahre)
HauptnutzungPendeln (Auto/ÖPNV), Erwerbsarbeit, Freizeit (Sport, Kneipe)Care-Wege (Kita, Einkauf, Arzt), BesorgungenBewegung, Risikospiel, Eroberung von Räumen
MobilitätAuto zentral, aber auch Fahrrad/ÖPNV (Städte)ÖPNV, zu Fuß, Fahrrad – oft verkettetZu Fuß, Rad, begleitet durch Eltern
SicherheitsgefühlGeringere Angst vor Übergriffen, höhere RisikobereitschaftHöhere Angst vor Belästigung, Meidung von AngsträumenAngst vor Autos, Stürzen, Fremden
Typische OrteArbeitsplatz, Fitnessstudio, Kneipe, SportplatzSupermarkt, Kita, Arztpraxis, ParkBolzplatz, Skatepark, Abenteuerspielplatz
ProblemzonenEinsamkeit (besonders nach Trennung/Pensionierung), fehlende „dritte Orte“ für MännerFehlende kurze Wege, schlechte Beleuchtung, wenig öffentliche ToilettenVerdrängung anderer Gruppen, fehlende Risikoräume

Die Kern-These: Eine männergerechte Stadt korrigiert die alte Norm des „Pendler-Mannes“ und schafft Räume für die Vielfalt männlicher Lebensentwürfe – vom Vater mit Kind bis zum einsamen Rentner.

Die blinden Flecken der „Standardstadt“ für Männer

Die klassische Stadtplanung ist nicht „männergerecht“ im Sinne einer bewussten Förderung – sie ist schlicht auf eine bestimmte, heute oft überholte Männlichkeit zugeschnitten. Das führt zu mehreren unerkannten Problemen:

1. Männer als Väter und Care-Arbeiter werden übersehen

Öffentliche Wickeltische hängen immer noch oft auf Damen-Toiletten. „Eltern-Kind-Cafés“ sind implizit Mütter-Cafés. Väter mit Kinderwagen werden komisch angeschaut, wenn sie die Herrentoilette ohne Wickeltisch suchen. Das ändert sich langsam, aber viel zu langsam.

  • Männergerecht wäre: Wickelmöglichkeiten selbstverständlich auf allen Herrentoiletten; Spielplätze mit Sitzgruppen, die nicht nur Mütter, sondern auch Väter einladen; Väter-Kind-Zeiten in Kitas und Familienzentren.

2. Männliche Einsamkeit und psychische Gesundheit

Männer haben ein höheres Risiko für Einsamkeit, insbesondere nach Trennung, Verlust des Arbeitsplatzes oder im Alter. Sie leiden häufiger unter Depressionen und begehen häufiger Suizid – doch sie nutzen klassische soziale Angebote (Kaffeekränzchen, Seniorentreffs) seltener. Die Stadt bietet zu wenige Orte für Männer, um ohne Leistungsdruck in Kontakt zu kommen.

  • Männergerecht wäre: Räume für gemeinsames Tun – offene Werkstätten, Repair-Cafés mit Werkbänken (nicht nur mit Nähmaschinen), Schach- oder Boule-Plätze (werden oft stark von älteren Männern genutzt), Fitnessparcours mit Geräten für ältere Herren (nicht nur Calisthenics für Junge).

3. Höhere Verkehrstodesrate bei Männern

Männer sind im Straßenverkehr deutlich häufiger die Unfallopfer – als Fußgänger, Radfahrer, Motorradfahrer, Autofahrer. Sie gehen häufiger Risiken ein (zu schnelles Fahren, keine Helme, Alkohol am Steuer). Die Stadt tut zu wenig für fehlertolerante Infrastruktur, die auch riskantes Verhalten abfedert.

  • Männergerecht wäre: Geschützte Radwege (baulich getrennt), gut beleuchtete Kreuzungen, Tempo 30 als flächendeckende Regel, Aufklärungskampagnen speziell für junge Männer, kostenlose Helme für Radfahrer.

4. Fehlende „Dritte Orte“ für Männer jenseits von Kneipen

Frauen haben oft informelle Rückzugsorte – Cafés, Buchläden, Yogastudios, Bibliotheken. Männer klagen häufiger über fehlende Orte, wo man hingehen kann, ohne etwas konsumieren zu müssen. Kneipen sind teuer und nicht für alle attraktiv (z. B. für nicht trinkende Männer oder solche in Genesung). Sportvereine haben feste Zeiten, öffentliche Bänke sind zum Alleinsein oft ungemütlich.

  • Männergerecht wäre: Überdachte, windgeschützte Aufenthaltsbereiche mit Tischen und einfachen Bänken – zum Karten spielen, lesen, am Laptop arbeiten, einfach nur dasitzen. Kostenlose öffentliche Schach- oder Tischtennisplatten. Offene Werkstätten („Makerspaces“) mit niedrigschwelligem Zugang.

5. Nachtsicherheit – ein anderes Problem

Männer haben weniger Angst vor Belästigung, aber mehr Angst vor Gewalt durch andere Männer – insbesondere nachts, in Clubs, auf Parkplätzen, in Bahnhofsvierteln. Die typische Maßnahme (mehr Licht) hilft nur bedingt, wenn die Gewalt von Bekannten oder in bestimmten Milieus ausgeht.

  • Männergerecht wäre: Gut einsehbare, belebte Wege nachts (keine dunklen „toten Zonen“). Mehr soziale Kontrolle durch Nutzungsmischung. Deeskalationszonen an Bahnhöfen und in Clubvierteln (mit Sozialarbeitern). Auch: weniger Kriminalisierung von Männern als Tätern, mehr präventive Angebote (Gewaltpräventionskurse, Ausstiegsprogramme).

Die Säulen einer männergerechten Stadt

1. Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer

Die Stadt muss es Vätern ebenso leicht machen wie Müttern, Beruf und Care-Arbeit zu vereinbaren.

  • Elternzeitgerechte Infrastruktur: Wickeltische auf Herrentoiletten, Familienparkplätze für Eltern (nicht nur für Mütter), Väter-Kind-Gruppen in Familienzentren.
  • Flexible Arbeitsorte: Co-Working-Spaces in Wohnortnähe, die auch für Väter mit Kindern geeignet sind (Spielecke, leise Räume für Telefonate).
  • Beispiel: In Stockholm gibt es „Papa-Cafés“ in Stadtteilbibliotheken – speziell für Väter in Elternzeit. Die Hemmschwelle ist niedrig, die Akzeptanz hoch.

2. Räume für männliche Sozialkontakte jenseits von Alkohol

Männer brauchen Orte, an denen sie ungezwungen ins Gespräch kommen können, ohne dass es um Leistung, Status oder Alkohol geht.

  • Offene Werkstätten (Makerspaces, Repair-Cafés): Hier können Männer gemeinsam an Fahrrädern, Möbeln oder Elektronik schrauben – nebenbei entstehen Gespräche. Das senkt Einsamkeit nachweislich.
  • Boule- und Schachplätze im Freien: Diese werden oft von älteren Männern genutzt – sie sind ein wichtiges soziales Netz, das die Stadt pflegen und ausbauen sollte.
  • Fitnessparcours für ältere Männer: Nicht nur Hochleistungssport, sondern auch leichte Übungen für die Generation 60+ – mit Geräten, die auch bei Arthrose nutzbar sind.
  • Beispiel: In Nijmegen (Niederlande) entstand ein „Männerpark“ mit Fitnessgeräten für Ältere, einer Boule-Bahn und einer überdachten Werkbank. Die Nutzung durch Männer aller Altersgruppen stieg um 200 %, ohne dass Frauen sich verdrängt fühlten.

3. Sichere Verkehrsinfrastruktur für Risikogruppen

Männer sind häufiger in schwere Verkehrsunfälle verwickelt. Die Stadt kann das Risiko senken, ohne die Freiheit einzuschränken.

  • Baulich getrennte Radwege (nicht nur Fahrradstreifen auf der Straße) – schützen auch die schnellen, riskanteren Radfahrer.
  • Tempo 30 als flächendeckende Regel – reduziert die Schwere von Unfällen.
  • Kostenlose oder vergünstigte Helme für Radfahrer (nicht verpflichtend, aber erhältlich).
  • Aufklärungskampagnen mit positiven Rollenbildern („Starke Männer fahren vorsichtig“) – weniger moralisierend, mehr Empowerment.

4. Gesundheit: Männerspezifische Angebote

Männer gehen seltener zum Arzt, haben eine geringere Lebenserwartung und sterben häufiger an vermeidbaren Ursachen. Die Stadt kann niedrigschwellige Gesundheitsangebote machen.

  • Outdoor-Fitnessgeräte für alle Alters- und Fitnessstufen – niedrigschwellig, kostenlos, ohne Anmeldung.
  • Männergesundheitstage in Stadtteilzentren (PSA-Test, Blutdruckmessen, Ernährungsberatung) – in einer Umgebung, die Männer anspricht (z. B. in Werkstätten oder Sportstätten).
  • Psychologische Beratungsstellen auch in weniger zentralen Lagen – mit langen Öffnungszeiten und ohne Überweisungsdruck.

5. Partizipation: Männer beteiligen – aber anders

Männer sind in klassischen Bürgerforen oft überrepräsentiert (die lautesten Stimmen sind meist männlich, wohlhabend, mittleren Alters). Eine männergerechte Stadt muss trotzdem sicherstellen, dass auch randständige Männer (Arbeitslose, Alleinerziehende, Migranten, junge Männer ohne Perspektive) gehört werden.

  • Streetworker als Multiplikatoren – sie kennen die Männer, die sonst nicht kommen.
  • Beteiligung in Werkstatt-Formaten – während des gemeinsamen Bauens oder Reparierens werden Wünsche und Kritik geäußert.
  • Gezielte Ansprache über Sportvereine, Fanprojekte, Nachbarschaftsinitiativen.
  • Beispiel: In Leipzig wurden junge Männer aus einem Problemviertel über Fußballprojekte in die Stadtplanung einbezogen. Sie wünschten sich mehr beleuchtete Wege zum Bolzplatz und einen wetterfesten Treffpunkt – beides wurde umgesetzt, die Vandalismusrate sank drastisch.

Was eine männergerechte Stadt nicht braucht (im Vergleich zu anderen Artikeln)

  • Keine speziellen „Angsträume“-Analysen (Männer fürchten sich anders, aber weniger).
  • Keine umfangreichen öffentlichen Toilettennetze (nicht in gleicher Dichte wie für Frauen/Mädchen).
  • Keine Care-Blöcke (das betrifft vor allem Frauen).
  • Keine speziellen Maßnahmen gegen Belästigung (Männer sind seltener betroffen).
  • Keine separaten Männerquartiere – Inklusion bedeutet Mischung, nicht Trennung.

Beispiele aus der Praxis

  • Nijmegen (Niederlande): Der „Männerpark“ im Stadtteil Lindenholt entstand nach einer Bürgerbefragung, die zeigte, dass ältere Männer sich in den bestehenden Parks nicht wohlfühlten. Der Park bietet Fitnessgeräte für Senioren, Boule-Bahnen, eine Werkbank mit Werkzeugen (kostenlos nutzbar) und überdachte Sitzgruppen. Die Kriminalität sank, und auch Frauen nutzen den Park heute gern.
  • Stockholm (Schweden): Die Stadt fördert aktiv „Papa-Cafés“ in Bibliotheken und Familienzentren. Ein Erfolgsmodell: Väter in Elternzeit treffen sich einmal pro Woche zum gemeinsamen Frühstück, Kinderbetreuung inklusive. Das Modell wurde in mehrere Stadtteile ausgeweitet.
  • Berlin („Männer am Rand“-Projekt): In einem sozial benachteiligten Bezirk wurden über einen Zeitraum von zwei Jahren arbeitslose Männer in der Stadtteilplanung beteiligt. Ergebnis: ein betreuter Nachbarschaftsgarten mit Werkstatt, ein Männertreff mit Montagssuppe und ein Angebot von Fahrradreparatur-Workshops. Die Teilnehmer fanden zum Teil wieder in Arbeit.
  • Wien („Grätzel für alle“): Obwohl das Programm primär auf Frauen und Senioren zielt, profitierten auch Männer: Die verbreiterten Gehwege, die bessere Beleuchtung und die zusätzlichen Sitzbänke werden von allen genutzt. Zudem entstanden auf Wunsch älterer Männer zwei Boule-Plätze und eine Schach-Ecke im Park.

Kritische Einordnung: Warum das Thema oft ignoriert wird

Die Diskussion um „männergerechte Stadtplanung“ ist heikel. Sie kann leicht als Versuch verstanden werden, die Fortschritte der feministischen Stadtplanung wieder zurückzudrehen. Das ist nicht die Absicht.

Richtig ist: Männer sind in vielen Bereichen privilegiert – sie haben mehr Zugang zu Ressourcen, werden seltener belästigt, können sich öffentliche Räume oft selbstbewusster aneignen. Eine männergerechte Stadt darf diese strukturellen Ungleichheiten nicht ignorieren.

Richtig ist aber auch: Nicht alle Männer profitieren gleichermaßen von den alten Strukturen. Arbeitslose Männer, alleinerziehende Väter, ältere Männer mit geringer Rente, Männer mit Behinderungen – sie fallen oft durch alle Raster. Eine inklusive Stadtplanung muss auch sie sehen.

Die Lösung ist kein „gender battle“, sondern eine geschlechterbewusste Stadtplanung für alle. Das bedeutet: Die Bedürfnisse von Frauen, Mädchen und anderen marginalisierten Gruppen stehen zu Recht im Fokus. Aber wo Männer tatsächliche, bisher übersehene Bedürfnisse haben (Väter, Einsame, Verkehrsopfer), sollten diese ebenfalls adressiert werden – ohne die Erfolge der feministischen Planung zu gefährden.

Fazit: Eine männergerechte Stadt ist eine menschlichere Stadt

Die beste „männergerechte“ Stadt ist nicht die Rückkehr zur autozentrierten Vorstadt der 1960er Jahre, sondern eine Stadt, die die Vielfalt von Männlichkeiten anerkennt:

  • Sie sieht den Vater mit Kinderwagen und gibt ihm einen Wickeltisch.
  • Sie sieht den einsamen Rentner und gibt ihm eine Boule-Bahn und eine Werkbank.
  • Sie sieht den jungen Radfahrer und gibt ihm einen geschützten Radweg.
  • Sie sieht den Mann in der Krise und gibt ihm einen Ort zum Reden – ohne Alkohol.

Eine Stadt, die das leistet, ist keine „Sonderstadt für Männer“. Sie ist eine Stadt, die alte Klischees hinter sich lässt und allen Menschen – unabhängig vom Geschlecht – ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Im nächsten Teil unserer Reihe: Ein vergleichendes Fazit – Was verbindet alle diese Perspektiven? Welche gemeinsamen Prinzipien lassen sich ableiten? Und wie gelingt eine Stadt wirklich für alle?

Was wünschen Sie sich für Männer in Ihrer Stadt? Mehr Orte für Väter? Bessere Verkehrssicherheit? Schreiben Sie uns!


Hinweise auf Literatur oder für die weitere Suche:

  • Männer und öffentlicher Raum (Studie der TU Dortmund, 2018)
  • Väter in der Stadt (Bertelsmann Stiftung, 2020)
  • Einsamkeit bei Männern (Bundesgesundheitsministerium, 2022)
  • Universal Design und Geschlechtergerechtigkeit (Eva Kail, 2019).

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