Wie sieht eine jungengerechte Stadt aus?

Nach den Beiträgen zu frauen-, mädchen- und kindergerechter Stadt wirdmen wir uns nun der jungengerechten Stadt. Auf den ersten Blick mag das überflüssig erscheinen: Sind nicht viele öffentliche Räume – Bolzplätze, Skateparks, Basketballkäfige – ohnehin von Jungen dominiert? Ist die Stadt nicht längst „jungengerecht“?

Die Antwort ist differenzierter. Ja, Jungen nutzen den öffentlichen Raum oft selbstbewusster und sichtbarer als Mädchen. Sie eignen sich Flächen an, verdrängen andere Gruppen und sind in vielen Bereichen die lauteren Nutzer. Aber das bedeutet nicht, dass ihre tatsächlichen Bedürfnisse gut erfüllt werden. Eine jungengerechte Stadt fragt:

  • Wo können Jungen ihren Bewegungsdrang ausleben – ohne ständige Verbote?
  • Wo gibt es Risiko- und Abenteuerräume, die über genormte Spielplätze hinausgehen?
  • Wie begegnen wir der höheren Unfall- und Gewaltgefahr für Jungen?
  • Und wie schaffen wir Orte für jene Jungen, die nicht dem Klischee des körperlich dominanten Sportlers entsprechen?

Eine jungengerechte Stadt ist nicht das Gegenteil einer mädchengerechten Stadt. Sie ist eine Ergänzung, die die Vielfalt männlicher Lebensrealitäten im Kindes- und Jugendalter ernst nimmt.

Jungen vs. Mädchen vs. kindergerecht – die Unterschiede

BedürfnisJungengerecht (ca. 6–14 Jahre)Mädchengerecht (12–21 Jahre)Kindergerecht (4–12, geschlechtsneutral)
BewegungHoch. Rennen, klettern, balancieren, kämpfen.Mittel bis niedrig (eher Gehen, Sitzen, Quatschen).Hoch, aber weniger risikoorientiert.
SpielformWettkampf, Eroberung, Risiko, lautes Spiel.Kooperation, Ästhetik, Rückzug, Gespräch.Gemischt, je nach Kind.
RaumnutzungGroße Flächen, harte Oberflächen (Asphalt, Beton).Nischen, weiche Übergänge, Sitzgelegenheiten.Gemischt, mit Spielgeräten.
SicherheitsrisikoHöhere Unfallrate (Klettern, Raufen, Verkehr).Höhere Angst vor Belästigung und Übergriffen.Unfälle, aber auch Fremdgefahr.
Typische OrteBolzplatz, Skatepark, Kletterfelsen, Wald, Bach.Café, Bibliothek, Parkbank, Einkaufsstraße.Spielplatz, Schulhof, Verkehrsberuhigter Raum.
ProblemzonenVerdrängung anderer Gruppen, Lärm, Zerstörung.Angsträume, fehlende Rückzugsorte.Autoverkehr, fehlende Spielmöglichkeiten.

Die entscheidende Erkenntnis: Jungen sind keine homogene Masse. Es gibt sportliche, risikofreudige Jungen; sensible, zurückgezogene Jungen; solche, die gerne bauen, und solche, die gerne toben. Eine jungengerechte Stadt muss all diese Varianten abdecken – und gleichzeitig verhindern, dass Jungen andere Gruppen dominieren oder verdrängen.

Die Säulen einer jungengerechten Stadt

1. Bewegungs- und Risikoräume: Mehr als genormte Spielplätze

Jungen haben einen höheren Drang nach risikobehaftetem Spiel – klettern, springen, balancieren, kämpfen. Genormte Spielplätze mit Fallschutz und weichen Böden sind dafür oft zu langweilig.

  • Abenteuerspielplätze (auch „Bauwagenplätze“): Hier können Jungen mit Hammer und Säge bauen, Feuer machen, Klettergerüste aus alten Brettern errichten – unter Aufsicht, aber mit viel Freiheit.
  • Naturnahe Räume: Bäche zum Stauen, Wälder zum Verstecken, Felsen zum Klettern, Hügel zum Rennen. Diese sind oft die beliebtesten Spielorte für Jungen.
  • Skateanlagen, Pump tracks, Boulderwände: Angebote, die Geschicklichkeit und Risiko verbinden. Wichtig: Sie sollten auch für Anfänger zugänglich sein (nicht nur für Profis).
  • Wasserspielplätze mit Matsch, Pumpen und Rinnen – werden von Jungen oft intensiver genutzt als von Mädchen.
  • Beispiel: In Kopenhagen gibt es den „Superkilen“-Park mit einem riesigen, bunten Skatebereich, einer Kletterwand und einem Boxring im Freien – stark frequentiert von Jungen aller Altersstufen.

2. Verdrängung verhindern: Konfliktlösung statt Verbote

Das Problem vieler jungendominierter Räume: Sie werden von anderen Gruppen (Mädchen, älteren Menschen, Familien mit Kleinkindern) gemieden. Eine jungengerechte Stadt muss Nutzungskonflikte aushandeln, nicht einseitig privilegieren.

  • Multifunktionale Räume: Bolzplätze können so gestaltet sein, dass sie zeitweise auch für andere Aktivitäten genutzt werden (z.B. durch versenkbare Tore, Markierungen für Basketball, Sitzgelegenheiten am Rand).
  • Klare Regeln, aber mit Aushandlung: Nicht einfach „Ballspiel verboten“ – sondern mit Jugendlichen aushandeln, wann und wo laut gespielt werden darf.
  • Räume für unterschiedliche Lautstärken: Es braucht sowohl Zonen für lautes, aktives Spiel als auch ruhige Bereiche für andere Gruppen.
  • Beispiel: In Berlin-Neukölln wurde ein Bolzplatz mit einer Sitzterrasse für Eltern und eine kleine Bühne für Mädchen ergänzt. Die Konflikte sanken, weil sich alle Gruppen zugehörig fühlten.

3. Sicherheit im Verkehr: Jungen sind häufiger Opfer

Jungen haben ein deutlich höheres Risiko, im Straßenverkehr verunglücken – als Fußgänger, Radfahrer, später als Moped- oder Autofahrer. Sie gehen mehr Risiken ein (schneller fahren, keine Helme, Ablenkung).

  • Geschützte Radwege – nicht nur Fahrradstreifen auf der Straße. Jungen brauchen Infrastruktur, die ihre Risikobereitschaft auffängt (bauliche Trennung, gut einsehbare Kreuzungen).
  • Helmpflicht für Kinder? Umstritten, aber Aufklärung und kostenlose Helme sind sinnvoll.
  • Verkehrserziehung ab der Grundschule – mit praktischen Übungen auf echten Straßen.
  • Tempo 30 in Wohngebieten – reduziert Unfallschwere drastisch, besonders für spielende Jungen.

4. Soziale Kompetenz & Gewaltprävention

Jungen sind nicht nur häufiger Opfer von Gewalt (durch andere Jungen), sondern auch häufiger Täter. Eine jungengerechte Stadt investiert in Räume für gewaltfreie Konfliktlösung.

  • Sozialpädagogisch betreute Plätze – insbesondere auf Bolzplätzen und Skateanlagen. Ein:e Jugendsozialarbeiter:in kann Schlichtung übernehmen und Regeln vermitteln.
  • Rückzugsorte für Jungen, die keine Kämpfer sind – nicht jeder Junge mag Fußball. Ruhige Zonen mit Tischen für Kartenspiele, Bücher oder einfach zum Reden sind wichtig.
  • Sportangebote, die Kooperation statt Konkurrenz fördern – Klettern in der Gruppe, Kampfsport mit Respektregeln, Parkour als gemeinsames Training.
  • Beispiel: In einem sozial benachteiligten Viertel in London wurde ein alter Parkplatz in einen „Youth Zone“ mit Fußballkäfig, Chill-out-Bereich und einem Container mit Sozialarbeitern umgewandelt. Die Gewaltdelikte sanken um 60 %.

5. Partizipation: Jungen beteiligen – aber anders

Jungen sind oft schwerer für klassische Beteiligungsformate zu gewinnen als Mädchen (die sich gerne organisieren). Sie brauchen niedrigschwellige, aktionsorientierte Angebote.

  • „Bau-Aktionen“ – Jungen bauen selbst eine Sitzbank oder eine Rampe für Skateboards. Während des Bauens wird über ihre Wünsche gesprochen.
  • Gamification – digitale Beteiligung über Apps, in denen sie Orte markieren können (wie Pokémon Go, aber mit Stadtplanung).
  • Streetworker als Multiplikatoren – sie kennen die Jungen und können sie in Planungsprozesse einbringen.
  • Schulprojekte – Planer kommen in den Sportunterricht oder in die Projektwoche.

Was eine jungengerechte Stadt nicht braucht (im Vergleich zur mädchengerechten)

  • Keine expliziten „Angsträume“-Analysen – Jungen fürchten sich anders (mehr vor Gewalt, weniger vor Belästigung).
  • Keine kostenlosen Menstruationsprodukte (betrifft nicht).
  • Keine Hängematten und Sitzstufen – Jungen sitzen weniger, sie bewegen sich.
  • Keine besonderen Toilettenangebote – Jungen nutzen seltener öffentliche Toiletten.

Beispiele aus der Praxis

  • Wien (Abenteuerspielplatz Wienerberg): Ein betreuter Abenteuerspielplatz mit Hüttenbau, Feuerstelle, Kletterwand und Werkstatt. Betreut von Sozialpädagogen, der Platz ist stark nachgefragt – und wird fast ausschließlich von Jungen besucht. Mädchen kommen selten, das ist problematisch, aber der Platz erfüllt einen echten Bedarf.
  • Kopenhagen (Superkilen Park): Der Park hat eine „Rote Zone“ für Sport und Spiel – mit Boxring, Skatebereich und Klettergerüsten. Die Zone wird von Jungen dominiert, aber es gibt auch eine „Grüne Zone“ für Ruhe und Picknicks. Das Nebeneinander funktioniert gut.
  • Berlin (Mädchen- und Jungensportpark): Ein Park, der explizit getrennte Angebote macht: eine Calisthenics-Anlage und ein Bolzplatz für Jungen, ein Volleyballfeld und eine Tanzfläche für Mädchen – plus gemeinsamer Bereich. Die Akzeptanz ist hoch.
  • Freiburg (Bauwagenplatz): Ein selbstverwalteter Abenteuerspielplatz mit Bauwagen, an dem Jungen (aber auch Mädchen) nachmittags bauen, werkeln und spielen können. Betreut durch einen Verein.

Kritische Einordnung: Die Gefahr der Geschlechtertrennung

Eine jungengerechte Stadt darf nicht dazu führen, dass Mädchen weiter verdrängt werden oder Stereotype verfestigt werden. Viele Jungen mögen auch ruhige Aktivitäten, viele Mädchen lieben Risikosport. Die beste Lösung ist geschlechterbewusste Planung, die Wahlfreiheit und Begegnung ermöglicht:

  • Multifunktionale Räume, die von allen Gruppen genutzt werden können.
  • Gezielte temporäre Angebote (z.B. „Mädchen-Skaten am Dienstag“), aber keine dauerhafte Trennung.
  • Beteiligung aller Geschlechter an der Planung – sonst entstehen einseitige Räume.

Fazit: Eine jungengerechte Stadt ist eine vielfältige Stadt

Jungen sind keine „Problemgruppe“ – aber sie haben spezifische Bedürfnisse, die in der Stadtplanung oft übersehen werden: Sie brauchen Risiko- und Bewegungsräume, Aushandlung von Konflikten statt Verbote, Schutz vor Verkehrsunfällen und soziale Betreuung an Hotspots.

Gleichzeitig ist eine jungengerechte Stadt nicht die „Standardstadt“, die ohnehin schon auf Jungen zugeschnitten ist. Sie ist eine Stadt, die die Vielfalt von Jungen anerkennt – vom Fußballer bis zum Bücherwurm – und die Koexistenz mit anderen Gruppen aktiv gestaltet.

Im nächsten Teil unserer Reihe: Die seniorengerechte Stadt – Was brauchen ältere Menschen für ein selbstbestimmtes Leben?

Was wünschen Sie sich für Jungen in Ihrer Stadt? Mehr Klettermöglichkeiten? Ruhigere Orte? Schreiben Sie es uns!

Neben der Frage, wie denn eine Stadt für einzelnen Gruppen von Menschen aussehen sollte, ist am Ende vor allem die Frage interessant, wie denn die Stadt für alle aussehen muss. Dieser Fragen gehen wir zusammenfassend hier nach!


Hinweise auf Literatur oder für die weitere Suche:

  • Jürgen Zinnecker, Stadtkids. Kinderleben zwischen Straße und Schule (2001)
  • Risikospiel und Stadtplanung (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, 2018)

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