1. Was ist „Life teach us“?
Life teach us ist ein Bildungs- und Begegnungskonzept, das dort ansetzt, wo klassische Schule an ihre Grenzen stößt: beim Unterrichtsausfall. Anstatt ausgefallene Stunden ersatzlos zu streichen oder notdürftig zu verwalten, werden sie gezielt mit Menschen mit gelebter Lebenserfahrung gefüllt.
Diese sogenannten Life Teacher sind keine Lehrkräfte im klassischen Sinn. Es handelt sich um Handwerkerinnen, Unternehmer, Pflegekräfte, Künstlerinnen, ehemalige Leistungssportler, Geflüchtete, Ehrenamtliche, Menschen mit Brüchen in der Biografie – kurz: Personen, die etwas erlebt, entschieden, riskiert, gescheitert oder neu begonnen haben. Sie kommen in die Schule, um zu erzählen, zu diskutieren und Erfahrungen weiterzugeben, die im Lehrplan sonst kaum vorkommen.
2. Herkunft und Entwicklung des Konzepts
Hintergrund der Entstehung
„Life teach us“ entstand vor dem Hintergrund eines wachsenden Problems: chronischer Lehrkräftemangel, steigender Krankenstand und damit immer häufiger ausfallender Unterricht. Gleichzeitig wuchs die Erkenntnis, dass Schule junge Menschen zwar fachlich qualifiziert, sie aber oft nur unzureichend auf reale Lebensentscheidungen vorbereitet.
Die Grundidee war einfach, aber radikal:
Wenn Fachunterricht nicht stattfinden kann, sollte zumindest Lebensunterricht möglich sein.
Entwicklung und Verbreitung
Ursprünglich als lokales Pilotprojekt an einzelnen Schulen gestartet, entwickelte sich „Life teach us“ schrittweise weiter. Anfangs wurden vor allem Eltern, Großeltern oder lokale Berufstätige eingeladen. Später entstand ein strukturierter Pool an Life Teachern, begleitet von Leitfäden und klaren Rahmenbedingungen.
Heute findet man das Konzept vor allem:
- an weiterführenden Schulen
- in sozial herausfordernden Regionen
- im Rahmen von Projektwochen, Vertretungspools oder Ganztagsangeboten
In einigen Regionen ist „Life teach us“ inzwischen fester Bestandteil von Schulentwicklungsprogrammen oder Kooperationen mit Kommunen, Stiftungen und Vereinen.
3. Zentrale Elemente und das „Geheimnis“ des Konzepts
Lernen aus echter Erfahrung
Kern von „Life teach us“ ist das erzählerische, dialogische Lernen. Es geht nicht um Vorträge, sondern um Begegnung. Die Life Teacher berichten von echten Entscheidungen, Umwegen, Erfolgen und Niederlagen – und stellen sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler.
Themen statt Fächer
Die Inhalte orientieren sich nicht an Stundenplänen, sondern an Lebensfragen, etwa:
- Wie finde ich meinen Weg?
- Was bedeutet Scheitern – und wie geht man damit um?
- Wie fühlt sich Verantwortung an?
- Was heißt es, mutig zu sein?
- Wie geht man mit Druck, Angst oder Unsicherheit um?
Strukturierter Rahmen
Trotz der Offenheit folgt jede Einheit klaren Leitlinien:
- kurze Vorstellung der Person
- biografische Schlüsselmomente
- moderierte Gesprächsphasen
- Raum für Fragen, Diskussion und Reflexion
Lehrkräfte bleiben anwesend, übernehmen aber eine begleitende Rolle.
Das Geheimnis des Konzepts
Das eigentliche Geheimnis von „Life teach us“ liegt in seiner Authentizität. Jugendliche spüren sehr schnell, ob jemand aus Lehrbüchern spricht oder aus dem eigenen Leben. Die Offenheit der Life Teacher schafft Vertrauen – und oft auch Identifikation. Lernen entsteht hier nicht durch Belehrung, sondern durch Beziehung.
4. Ein Beispielbesuch – Lernen aus der Perspektive eines Schülers
Jonas ist 15 Jahre alt und besucht die 9. Klasse einer Gesamtschule. An diesem Tag fällt der Politikunterricht aus. Statt einer Freistunde kündigt die Klassenlehrerin einen Besuch im Rahmen von „Life teach us“ an.
Im Klassenraum sitzt wenig später Miriam, Anfang 40, ehemalige Start-up-Gründerin. Sie beginnt nicht mit Fakten, sondern mit einer Geschichte: wie sie mit 27 alles auf eine Idee gesetzt hat – und nach drei Jahren scheiterte.
Jonas hört zu. Es geht um falsche Entscheidungen, um Schulden, um Zweifel. Miriam erzählt aber auch, wie sie neu angefangen hat und heute in einem ganz anderen Beruf arbeitet. Die Klasse stellt Fragen:
Hatten Sie Angst?
Würden Sie es wieder tun?
Was hätten Sie gern früher gewusst?
Zum Schluss bittet Miriam die Schülerinnen und Schüler, aufzuschreiben, was sie sich selbst in fünf Jahren wünschen – und wovor sie Angst haben. Es wird still im Raum.
Als die Stunde endet, sagt Jonas später: „Das war das erste Mal, dass jemand ehrlich über Scheitern gesprochen hat.“
5. Fazit
„Life teach us“ ist kein Ersatz für Fachunterricht – und will es auch nicht sein. Es ist eine Antwort auf Lücken, die Schule allein nicht schließen kann: auf ausgefallene Stunden, aber auch auf fehlende Lebensnähe im Bildungssystem.
Das Konzept zeigt, dass Lernen nicht nur in Büchern, sondern vor allem in Begegnungen stattfindet. Wenn Schule den Mut hat, das Leben hereinzulassen, entstehen Räume, in denen junge Menschen Orientierung finden, Fragen stellen dürfen und Vorbilder erleben, die nicht perfekt, aber ehrlich sind.
In einer Zeit wachsender Unsicherheit könnte genau das eine der wichtigsten Lektionen sein, die Schule vermitteln kann.

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