1. Was ist ein Tumozentrum?
Das Tumozentrum – international bekannt als TUMO Center for Creative Technologies – ist ein außerschulisches Lernzentrum für Jugendliche zwischen etwa 12 und 18 Jahren. Im Mittelpunkt stehen digitale, kreative und technologische Kompetenzen, darunter Programmierung, Design, Animation, Musikproduktion, Film, Robotik und 3D-Modellierung.
Anders als klassische Bildungseinrichtungen folgt TUMO keinem festen Stundenplan und keinem traditionellen Unterricht. Die Jugendlichen lernen selbstständig, projektorientiert und interessengeleitet. Coaches begleiten den Lernprozess, greifen unterstützend ein, geben Feedback und moderieren Workshops – sie unterrichten jedoch nicht im herkömmlichen Sinne. Lernen wird hier als aktiver, individueller Prozess verstanden.
2. Herkunft und Entwicklung des Konzepts
Entstehung in Armenien
Das erste Tumozentrum wurde 2011 in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, eröffnet. Initiiert wurde es von den armenisch-amerikanischen Unternehmern Sam und Sylva Simonian, die mit ihrer Stiftung einen neuen Bildungsraum schaffen wollten – kostenfrei, offen zugänglich und zukunftsorientiert.
Armenien bot dafür einen besonderen Kontext: Das Land verfügt über eine starke mathematisch-naturwissenschaftliche Bildungstradition aus sowjetischer Zeit, hatte jedoch lange mit Abwanderung junger Talente und begrenzten kreativen Entfaltungsmöglichkeiten zu kämpfen. TUMO entstand als Antwort auf diese Situation – mit dem Ziel, Jugendlichen Perspektiven im eigenen Land zu eröffnen und kreative wie technologische Fähigkeiten miteinander zu verbinden.
Internationale Verbreitung
Der Erfolg des ersten Zentrums führte rasch zur Expansion. In Armenien selbst entstanden weitere Standorte sowie sogenannte TUMO Boxes, kleinere, modulare Lerneinheiten für ländliche Regionen. Gleichzeitig wurde das Konzept international adaptiert.
Heute gibt es Tumozentren oder offizielle TUMO-Programme unter anderem in Paris, Berlin, Mannheim, Lyon, Tirana, Lissabon, Beirut und Buenos Aires. Trotz kultureller Unterschiede bleibt das pädagogische Grundmodell überall gleich: selbstbestimmtes Lernen, projektorientierte Arbeit und ein starker Community-Gedanke.
3. Die zentralen Elemente des TUMO-Konzepts
Selbstgesteuertes Lernen mit Struktur
Herzstück des Konzepts ist der individuelle Lernpfad, der für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer digital erstellt wird. Auf Basis von Interessen, Lernfortschritt und bisherigen Ergebnissen schlägt das System passende Aufgaben, Workshops und Projekte vor. Die Jugendlichen entscheiden selbst, woran sie arbeiten – verlieren dabei aber nicht den Überblick.
Lernfelder statt Fächer
Statt klassischer Schulfächer arbeitet TUMO mit praxisnahen Lernbereichen, zum Beispiel:
- Programmierung & Game Development
- Animation & Film
- Grafik- und UX-Design
- Musikproduktion
- Robotik & 3D-Modellierung
- Schreiben und Storytelling
Diese Bereiche sind bewusst miteinander verknüpft. Ein Projekt kann Programmierung, Design und Storytelling zugleich erfordern – so wie in der realen Arbeitswelt.
Das „Geheimnis“ des Konzepts
Das Besondere an TUMO ist nicht ein einzelnes Element, sondern die Kombination aus Freiheit, klarer Struktur und echter Anwendung. Die Jugendlichen arbeiten nicht für Noten, sondern für sichtbare Ergebnisse. Lernen bekommt Sinn, weil es zu etwas Konkretem führt.
4. Ein Beispielbesuch – Lernen aus der Perspektive eines Jugendlichen
Sarah ist 16 Jahre alt und besucht zweimal pro Woche ein Tumozentrum. An diesem Nachmittag entscheidet sie sich, an ihrem aktuellen Projekt weiterzuarbeiten.
Nach dem Einloggen sieht sie in ihrem Lernpfad mehrere Optionen: eine kurze Self-Learning-Einheit zur Spielmechanik, ein Workshop zur Charakteranimation und Zeit für ihr Projekt-Lab. Sarah entscheidet sich zunächst für das Selbstlernmodul. In interaktiven Aufgaben lernt sie, wie Bewegungsabläufe programmiert werden. Sie arbeitet konzentriert, probiert aus, macht Fehler – und korrigiert sie.
Später nimmt sie an einem Workshop teil, der von einem externen Experten geleitet wird. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen entwickelt sie Bewegungssequenzen für Spielfiguren. Es wird diskutiert, ausprobiert und gegenseitig Feedback gegeben.
Zum Abschluss arbeitet Sarah an ihrem eigenen Spiel weiter. Ein Coach schaut vorbei, stellt Fragen, gibt Impulse – die Entscheidungen trifft Sarah selbst. Am Ende speichert sie ihren Fortschritt ab. Ihr Lernpfad aktualisiert sich automatisch und schlägt neue Aufgaben vor.
5. Beispielportfolio und typische Aufgaben bei TUMO
Ein zentrales Ergebnis der Arbeit im Tumozentrum ist das persönliche Portfolio. Es dokumentiert nicht nur fertige Ergebnisse, sondern auch Lernprozesse.
Beispielportfolio von Sarah
Sarahs Portfolio enthält unter anderem:
- ein kurzes 2D-Animationsvideo, das sie selbst entworfen und animiert hat
- einen spielbaren Prototyp eines Jump-and-Run-Games, inklusive selbst programmierter Bewegungslogik
- Skizzen und Designentwürfe für Spielfiguren
- eine kurze schriftliche Reflexion darüber, was gut funktioniert hat und was sie beim nächsten Projekt anders machen würde
Dieses Portfolio ist digital abrufbar und wächst über die Jahre. Es ersetzt klassische Zeugnisse durch nachvollziehbare Kompetenzen.
Typische Aufgaben im Tumozentrum
Die Aufgaben bei TUMO sind offen gestaltet und praxisnah, zum Beispiel:
- „Entwirf eine animierte Szene, die eine kurze Geschichte erzählt.“
- „Programmiere ein Spiel, bei dem sich der Schwierigkeitsgrad dynamisch anpasst.“
- „Gestalte ein Albumcover und entwickle dazu eine visuelle Markenidee.“
- „Baue ein einfaches Robotik-System, das auf Sensoren reagiert.“
Es gibt selten nur eine richtige Lösung. Entscheidend ist der Weg, die Kreativität und die Fähigkeit, Probleme selbstständig zu lösen.
6. Fazit
Das Tumozentrum zeigt, dass Bildung anders gedacht werden kann: weniger belehrend, dafür selbstbestimmt, praxisnah und motivierend. Jugendliche lernen hier nicht für Prüfungen, sondern für reale Anwendungen. Sie entwickeln Fähigkeiten, die weit über technisches Wissen hinausgehen – Kreativität, Durchhaltevermögen, Selbstorganisation und Zusammenarbeit.
Was als Bildungsinitiative in Armenien begann, hat sich zu einem internationalen Modell entwickelt. TUMO macht deutlich, dass zeitgemäßes Lernen nicht zwangsläufig an klassische Schulstrukturen gebunden ist – und dass Vertrauen in die Lernfähigkeit junger Menschen ein entscheidender Schlüssel für Bildung der Zukunft sein kann.

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