Wenn man sich verschiedene Städte anschaut, kommt einem unweigerlich die Frage in den Sinn, warum manche Städte sich einfach gut anfühlen? Warum man in Kopenhagen oder Melbourne gerne zu Fuß geht, während andere Städte einen eher abschrecken? Die Antwort darauf hat ein dänischer Architekt und Stadtplaner gefunden, der eine kleine Revolution im Kopf ausgelöst hat: Jan Gehl. Seine simple, aber geniale Idee: Städte sollten für Menschen gebaut sein – nicht für Autos.
1. Wer ist Jan Gehl?
Jan Gehl wurde am 17. September 1936 in Kopenhagen geboren. Er studierte in den 1950er Jahren Architektur an der Königlich Dänischen Kunstakademie. Seine Karriere nahm jedoch eine entscheidende Wendung, als er 1960 die Psychologin Ingrid Mundt heiratete. Diese Verbindung öffnete ihm die Augen: Plötzlich fragte er sich, warum sich Architekten eigentlich nicht für die Menschen interessieren, die in ihren Gebäuden leben.
Diese Frage verfolgte ihn und führte zu einer bis heute anhaltenden Mission: die Lebensqualität in Städten zu verbessern – insbesondere für Fußgänger, Radfahrer, Senioren und Familien. Gehl lehrte viele Jahre als Professor an der Königlich Dänischen Kunstakademie und war Gastprofessor an zahlreichen Universitäten weltweit. Im Jahr 2000 gründete er im Alter von 63 Jahren sein eigenes Büro Gehl Architects, das heute Niederlassungen in New York und San Francisco hat.
2. Was ist Gehl’s Philosophie?
Gehl’s Philosophie ist denkbar einfach und dennoch revolutionär: Städte müssen vom Menschen her gedacht werden. Sein Motto lautet: „Weniger Beton, weniger Verkehr, mehr Platz für Menschen“. Er kritisiert scharf die autogerechte Stadtplanung der Nachkriegszeit, die den öffentlichen Raum zerstört habe.
Stattdessen setzt er auf das menschliche Maß. Gehl’s Überzeugung: „Der Mensch und seine Bedürfnisse müssten auf der stadtplanerischen Agenda ganz oben stehen. Also: weniger Autoverkehr, breite Bürgersteige, einladende Plätze und Straßenmöbel, eine freundliche Beleuchtung und viele Grünflächen“. Für ihn ist eine lebenswerte Stadt eine Stadt, die die Menschen aktiv nutzen – in der viele zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren.
Ein zentraler Begriff in Gehls Denken ist das „Leben zwischen den Häusern“. Er interessiert sich nicht primär für die gebaute Masse, sondern für das, was sich zwischen den Gebäuden abspielt: die Bewegungsströme von Menschen, die dem urbanen Umfeld allererst Leben einflößen.
Ziel ist, besser zu verstehen, wie sich öffentliche Plätze und andere Formen der Stadtgestaltung als „soziale Infrastruktur“ auf die Verbindungen zwischen den Menschen und auf das Bilden von Gemeinschaft und Zugehörigkeit auswirken. Wie muss man diese soziale Infrastruktur gestalten und pflegen, damit sie die Menschen miteinander verbindet?
3. Wo sind Beispiele seiner Arbeit zu finden?
Jan Gehl’s Ansatz ist keine graue Theorie, sondern wurde in vielen Städten dieser Welt erfolgreich umgesetzt. Hier sind einige der bekanntesten Beispiele:
| Projekt / Stadt | Wichtige Interventionen |
|---|---|
| Kopenhagen, Dänemark | 1962 Umwandlung der Haupteinkaufsstraße Strøget in eine Fußgängerzone. Kopenhagen gilt heute als eine der fahrradfreundlichsten Städte der Welt (41 % der Bewohner fahren mit dem Rad zur Arbeit!) |
| New York, USA | Umgestaltung des berüchtigten Times Square in eine sichere Fußgängerzone, Rückholung von Bryant Park in das urbane Gefüge |
| Melbourne, Australien | 1994–2004: Umfassende Analyse des öffentlichen Raums mit über 40 Empfehlungen zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität |
| Moskau, Russland | Umgestaltung monotoner Asphaltschneisen in einladende städtische Räume |

4. Was ist die Gehl-Methode? Ein Selbstversuch für deine Stadt
Die Public Space Public Life (PSPL) Survey ist die zentrale Methode, die Jan Gehl entwickelt hat, um das Verhältnis zwischen öffentlichem Raum und öffentlichem Leben zu untersuchen. Sie ist überraschend einfach und kann von jedem angewendet werden.
Die Grundidee ist simpel: Zähle, wie viele Menschen sich in einem Raum aufhalten und beobachte, wie sie ihn nutzen. Bereits 1965 entwickelte Gehl mit seiner Frau Ingrid in Siena die erste rudimentäre Version dieser Methode.
So kann man die Gehl-Methode selbst anwenden:
- Wähle einen Ort aus: Eine Straße, einen Platz, eine Kreuzung – am besten einen Ort, der dir in deiner Stadt auffällt (positiv oder negativ).
- Zähle: Beobachte zu verschiedenen Tageszeiten, wie viele Menschen sich dort aufhalten. Wie viele gehen zu Fuß? Wie viele sitzen? Wie viele fahren mit dem Rad oder Auto?
- Beobachte: Was machen die Menschen? Verweilen sie? Reden sie miteinander? Oder eilen sie nur schnell durch?
- Dokumentiere: Notiere deine Beobachtungen. Welche Bereiche des Ortes werden genutzt? Welche bleiben leer?
- Ziehe Schlüsse: Was sagt das über die Qualität des Ortes aus? Was könntest du verbessern?
Diese einfache Methode hilft dir, deine Umgebung mit ganz neuen Augen zu sehen – genau wie Jan Gehl es gelehrt hat.
5. Was ist Gehl’s Einfluss auf Wissenschaft und Forschung?
Jan Gehl’s Einfluss auf die Stadtplanung ist immens. Seine Arbeit ist weltweit anerkannt, was sich in zahlreichen Auszeichnungen widerspiegelt, wie etwa dem Sir Patrick Abercrombie Prize für Stadtplanung und Raumordnung. Für sein Lebenswerk wurde ihm 2018 der renommierte Julius Posener Preis verliehen. In der Jurybegründung heißt es: „Wie kein anderer hat er Strukturen von Räumen untersucht, das Nutzungsverhalten von Menschen beobachtet, ihre Verhaltensweisen studiert“.
Seine Bücher haben Generationen von Stadtplanern beeinflusst und werden heute noch als Standardwerke gelesen. Gehl lehrte an zahlreichen Universitäten und gab seine Sichtweise an seine Studierenden weiter. Sein ganzheitlicher Ansatz, der alle Sinne des Menschen berücksichtigt, gilt als Beitrag für die demokratische Verfasstheit von Städten. Heute wird er als einer der weltweit einflussreichsten Stadtplaner gefeiert.
6. Fazit
Jan Gehl hat uns gezeigt, dass Städte mehr sein können als Ansammlungen von Beton und Verkehr. Er lehrt uns, dass die beste Stadt diejenige ist, die uns einlädt, sie zu Fuß oder mit dem Rad zu erleben – eine Stadt, die nicht aus der Vogelperspektive, sondern auf Augenhöhe geplant wird.
Seine Botschaft ist heute aktueller denn je. Wenn wir über die Zukunft unserer Städte nachdenken angesichts von Klimawandel, Verkehrswende und dem Wunsch nach mehr Lebensqualität, dann sind Jan Gehls Prinzipien ein unverzichtbarer Kompass. Denn am Ende geht es immer um die gleiche einfache Frage: Wie wollen wir leben?
Quellen & weiterführende Literatur
Jan Gehl hat seine revolutionären Ideen in mehreren Büchern festgehalten. Hier sind seine zentralen Werke:
- „Leben zwischen Häusern“ (Life Between Buildings) – sein erstes Werk, das bereits 1971 auf Dänisch erschien und in über 50 Sprachen übersetzt wurde
- „Städte für Menschen“ (Cities for People) – sein Hauptwerk über die „Grammatik einer Stadt“, das 2015 auf Deutsch erschien und als Lexikon der Stadtentwicklung gilt
- „Public Spaces, Public Life“ – eine detaillierte Studie über öffentliche Räume und das Leben in ihnen
- „How to Study Public Life“ – eine praxisorientierte Anleitung zur Untersuchung des öffentlichen Lebens

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