Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist eines der zentralen Zukunftsthemen für die Stadtentwicklung. Doch wie steht es wirklich um den Digitalisierungsgrad einer Stadtverwaltung? Ein Blick auf Statistiken zeigt, dass von rund 7.500 Verwaltungsleistungen in Deutschland Anfang 2026 nur etwa 11 Prozent bundesweit flächendeckend online verfügbar waren. Angesichts des Fachkräftemangels und der sinkenden Leistungsfähigkeit der Verwaltung ist die digitale Transformation keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit. Dieser Beitrag zeigt, wie Kommunen mit Hilfe von Reifegradmodellen eine datengestützte Standortbestimmung vornehmen und die Stadtentwicklung strategisch neu ausrichten können.
Wie kann man den Digitalisierungsgrad oder den Reifegrad einer Stadtverwaltung messen?
Um den Digitalisierungsgrad einer Stadtverwaltung zu messen, werden sogenannte digitale Reifegradmodelle eingesetzt. Diese definieren verschiedene Entwicklungsstufen (Reifegrade) einer Kommune, von einer sehr geringen bis zu einer vollständig digitalisierten, intelligent vernetzten Stadt. Mithilfe standardisierter Fragenkataloge und Kennzahlen wird ermittelt, auf welcher Stufe sich die Verwaltung in unterschiedlichen Handlungsfeldern (wie Infrastruktur, Strategie oder Datenmanagement) aktuell befindet. Das Ergebnis ist eine Art „Positionsbestimmung“, die die Grundlage für die strategische Planung der nächsten Digitalisierungsschritte bietet.
Warum ist es gut, den digitalen Reifegrad zu messen?
Die regelmäßige Messung des eigenen digitalen Reifegrads bietet entscheidende Vorteile für den Modernisierungsprozess einer Stadtverwaltung:
- Fundierte Entscheidungsgrundlage: Ein Reifegradmodell verwandelt vage Annahmen in konkrete, messbare Daten. So können Entscheidungen auf Basis von Fakten getroffen werden.
- Identifikation von Schwachstellen: Das Modell deckt systematisch auf, wo die größten Lücken und Defizite liegen – etwa bei der digitalen Infrastruktur, in der IT-Sicherheit oder der Datenverwaltung.
- Zielgerichtete Ressourcenallokation: Mit einem klaren Bild über den Status quo können personelle und finanzielle Ressourcen gezielt an den Stellen eingesetzt werden, wo sie den größten Hebel für Fortschritte bieten.
- Erfolgskontrolle: Durch wiederholte Messungen wird der Fortschritt über die Zeit hinweg sicht- und kommunizierbar. Dies motiviert die Mitarbeitenden und legitimiert das Engagement gegenüber der Politik und der Bürgerschaft.
- Benchmarking: Der Vergleich mit anderen, ähnlich großen Kommunen ermöglicht es, von Best Practices zu lernen und realistische Ziele zu setzen.
Welche Modelle gibt es? – Eine Übersicht
In Deutschland haben sich verschiedene Instrumente zur Messung des digitalen Reifegrads von Kommunen etabliert. Die folgende Übersicht stellt die wichtigsten Modelle vor:
| Modell / Instrument | Entwickler / Herausgeber | Kernmerkmal / Ansatz |
|---|---|---|
| Smart Municipality Maturity Model (SMMM) | Hochschule Pforzheim & Partner (wissenschaftlich validiert) | Umfassende Selbsteinschätzung mit 99 binären Fragen zu 10 Dimensionen (z. B. Strategie, Infrastruktur, Datenmanagement) |
| KOMKIS-Reifegradmodell | Kompetenzzentrum kommunale Infrastruktur Sachsen (Universität Leipzig) | Fokus auf Übertragbarkeit für Kommunen aller Größen; praktischer Fragekatalog mit etwa 30 Fragen |
| Deutschland-Index der Digitalisierung | Fraunhofer FOKUS (Kompetenzzentrum Öffentliche IT) | Makroperspektive: Misst den Digitalisierungsstand mit über 40 Kennzahlen auf Länderebene (Infrastruktur, Verwaltung, Gesellschaft) |
| City Transformation Management Suite (CTMS) | IfG.CC – Institute for eGovernment | Management-Handbuch: Bietet ein Schritt-für-Schritt-Vorgehensmodell inkl. Reifegradprüfung, Roadmap und Vorlagen |
| Digitalindex | IW Consult, Telefonica, WirtschaftsWoche | Ranking: Vergleicht den Digitalisierungsstand der 71 größten kreisfreien Städte in Deutschland |
Die Modelle im Detail
Im Folgenden werden die einzelnen Modelle genauer beschrieben.
Smart Municipality Maturity Model (SMMM)
Das Smart Municipality Maturity Model (SMMM) wurde von der Hochschule Pforzheim in Zusammenarbeit mit weiteren Partnern entwickelt und im Jahr 2026 wissenschaftlich veröffentlicht. Es handelt sich um ein wissenschaftlich validiertes Instrument, das gezielt auf die besonderen Gegebenheiten von Kommunalverwaltungen zugeschnitten ist. Kernmerkmal des SMMM ist ein umfassender, praxisorientierter Selbstbewertungs-Fragebogen mit 99 binären Fragen (Ja/Nein) zu zehn verschiedenen Dimensionen, darunter digitale Strategie, IT-Infrastruktur, Datenmanagement, Cybersicherheit und Innovationskultur. Das Modell gliedert den digitalen Reifegrad in fünf Stufen. Der genaue Ansatz ist es, die oft abstrakten Ambitionen einer Smart City in messbare, operative Fähigkeiten zu übersetzen. Die Erhebung erfolgt durch die Verwaltung selbst (Selbsteinschätzung) anhand des Fragebogens. Das SMMM wurde in einer groß angelegten Studie mit über 1.000 Kommunen pilotiert, was seine besondere wissenschaftliche Robustheit auszeichnet.
KOMKIS-Reifegradmodell
Das KOMKIS-Reifegradmodell wird vom Kompetenzzentrum für kommunale Infrastruktur Sachsen (KOMKIS) an der Universität Leipzig entwickelt. Der Fokus liegt auf der Schaffung eines praxistauglichen und pragmatischen Instruments, das für Kommunen aller Größenordnungen geeignet ist. Das Modell ist das Ergebnis einer Studie, die der Frage nachging, was ein gutes Reifegradmodell auszeichnet, und ob es mehr als ein „Spielzeug“ oder eine „Gängelei“ der Verwaltungen sein kann. Der genaue Ansatz ist es, einen Fragekatalog mit etwa 30 Fragen zu entwickeln, der Kommunen eine einfache Standortbestimmung („wie bei einer Wanderung“) ermöglicht. Das Vorgehen ist partizipativ: Das Modell wird in Zusammenarbeit mit Digital Lotsen Sachsen entwickelt und in Pilotkommunen erprobt.
Deutschland-Index der Digitalisierung
Der Deutschland-Index der Digitalisierung wird vom Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) herausgegeben. Seit 2017 verfolgt der Index die digitale Entwicklung in Deutschland mit einer Makroperspektive auf Bundesländerebene. Das Kernmerkmal ist die Verwendung von über 40 Kennzahlen aus den Bereichen Infrastruktur, Verwaltung und Gesellschaft. Der Ansatz ist datenbasiert: Es werden frei zugängliche Datenquellen, eine jährliche Untersuchung von 300 kommunalen Webportalen und eine repräsentative Bevölkerungsbefragung (2024 mit über 5.800 Teilnehmenden) ausgewertet. Der Index ist somit weniger ein internes Steuerungsinstrument für eine einzelne Kommune, sondern dient vor allem dem überregionalen Monitoring und Vergleich.
City Transformation Management Suite (CTMS)
Die City Transformation Management Suite (CTMS) wird vom IfG.CC – Institute for eGovernment bereitgestellt und versteht sich als umfassendes Management-Handbuch für die digitale Transformation. Das Kernmerkmal ist der ganzheitliche, prozessorientierte Ansatz, der auf der Erfahrung mit der Modellierung von über 600 Verwaltungsprozessen basiert. Der genaue Ansatz ist, ein standardisiertes Vorgehensmodell zu bieten, das Kommunen von der ersten Idee bis zur Umsetzung begleitet. Die CTMS besteht aus mehreren Modulen, die eine Reifegradprüfung, eine Roadmap, Bildkarten-Methoden zur Planung sowie zahlreiche Vorlagen für Ausschreibungen und Kalkulationen umfassen. Ziel ist es, kommunalen Mitarbeitenden ohne spezielles technisches Know-how ein Werkzeug an die Hand zu geben, um ihren Modernisierungsbedarf selbst zu ermitteln und umzusetzen.
Digitalindex
Der Digitalindex wird von IW Consult in Kooperation mit der WirtschaftsWoche und O2 Telefónica erstellt und veröffentlicht. Es handelt sich um ein Ranking der 71 größten kreisfreien Städte in Deutschland. Das Kernmerkmal ist der Vergleich des Digitalisierungsgrades anhand von Teilindizes (z. B. Infrastruktur und Verwaltungsservices). Ziel ist es, die Digitalisierungsfortschritte öffentlich transparent zu machen. Die Städte werden in Kategorien wie „ambitionierte Pioniere“, „vorsichtige Pragmatiker“ oder „defensive Nachzügler“ eingeteilt. Der Digitalindex ist somit das ideale Instrument für große Städte, die sich im überregionalen Wettbewerb positionieren und von den Besten lernen möchten.
Wie finde ich das richtige Modell für meine Verwaltung?
Die Wahl des passenden Modells hängt stark von der Größe Ihrer Kommune und Ihrem konkreten Ziel ab:
- SMMM: Ideal für eine wissenschaftlich fundierte, sehr detaillierte Ist-Analyse aller relevanten Handlungsfelder, insbesondere für größere Städte.
- KOMKIS: Bestens geeignet für kleinere und mittlere Kommunen, die ein pragmatisches, leicht anwendbares Instrument für eine erste Standortbestimmung suchen.
- Deutschland-Index / Digitalindex: Perfekt für Städte, die sich im überregionalen Vergleich messen und ihren Rang unter anderen Großstädten erfahren möchten.
- CTMS: Die richtige Wahl für Städte, die nicht nur messen, sondern einen umfassenden, strukturierten Managementprozess für ihre gesamte digitale Transformation benötigen.
Wie geht man mit dem Ergebnis um?
Das Ergebnis einer Reifegradmessung ist kein Selbstzweck. Der Wert entsteht erst in der konsequenten Umsetzung. Folgende Schritte sind empfehlenswert:
- Ergebnisse kommunizieren: Stellen Sie die Ergebnisse der Messung der Verwaltungsspitze, den Mitarbeitenden, der Kommunalpolitik und der Öffentlichkeit vor. Transparenz schafft Vertrauen und die nötige Legitimation für die nächsten Schritte.
- Maßnahmenplan entwickeln: Priorisieren Sie die identifizierten Handlungsfelder. Beginnen Sie mit den Maßnahmen, die den größten Hebel für Fortschritt bieten (z. B. Investitionen in die IT-Infrastruktur).
- Ressourcen zuweisen: Stellen Sie sicher, dass für die wichtigsten Maßnahmen ausreichend personelle und finanzielle Mittel bereitstehen.
- Verantwortlichkeiten festlegen: Benennen Sie klare Verantwortliche für die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen.
- Messung wiederholen: Führen Sie die Reifegradmessung in regelmäßigen Abständen (z. B. jährlich) durch, um Fortschritte zu dokumentieren, den Maßnahmenplan anzupassen und neue Herausforderungen frühzeitig zu erkennen.
Fazit
Digitale Reifegradmodelle sind weit mehr als nur ein Trend oder eine bürokratische Übung. Sie sind unverzichtbare strategische Werkzeuge für jede Stadtverwaltung, die ihre Zukunftsfähigkeit sichern will. In Zeiten von Fachkräftemangel, knappen Kassen und hohen Erwartungen der Bürgerschaft ist eine datengestützte Entscheidungsfindung unerlässlich. Ein Reifegradmodell hilft dabei, die richtigen Fragen zu stellen, Ressourcen zu fokussieren und die digitale Transformation der Stadtverwaltung Schritt für Schritt erfolgreich zu gestalten.
Quellen
- Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS): Deutschland-Index der Digitalisierung 2025. Berlin, 2025.
- IfG.CC – Institute for eGovernment: City Transformation Management Suite (CTMS). 2019.
- IW Consult / O2 Telefónica / WirtschaftsWoche: Digitalindex – Wie digital sind deutsche Kommunen? 2023.
- Kompetenzzentrum für kommunale Infrastruktur Sachsen (KOMKIS) an der Universität Leipzig: Digitale Reifegradmodelle im Kontext der Verwaltungsdigitalisierung. KOMKIS Analyse Nr. 27, 2025.
- Hochschule Pforzheim: Bridging the Capability Gap: A Multidimensional Maturity Model for Smart City Development in German Municipalities (SMMM), 2026.
- Digital Lotsen Sachsen: Standortbestimmung: Das von der Universität Leipzig / KOMKIS entwickelte Reifegradmodell Digitale Verwaltung Sachsen, 2025.
- Digital Lotsen Sachsen: Das KOMKIS betrachtet Reifegradmodelle für die digitale Verwaltung, 2025.

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