Love of Neighbor Initiative: Städte neu denken durch Nächstenliebe – Projekte & Finanzierung für Deutschland

In einem Zeitalter, in dem Einsamkeit und gesellschaftliche Spaltung oft im Fokus stehen, rückt die Harvard University eine Frage in den Mittelpunkt, die auf den ersten Blick überrascht: Wie können wir die Nächstenliebe in all ihren Facetten – von der einfachen Freundlichkeit im Alltag bis hin zur öffentlichen Politik – systematisch fördern?

Die Love of Neighbor Initiative des Human Flourishing Program stellt genau das in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. In diesem Blogpost schauen wir uns dieses inspirierende Projekt genauer an: Welche Ideen stecken dahinter? Wie und wo ist es entstanden? Vor allem aber zeigen wir, wie Städte und engagierte Bürger:innen in Deutschland die Konzepte direkt vor Ort umsetzen können – mit praktischen Ideen, erfolgreichen Beispielen und konkreten Finanzierungsmöglichkeiten.

Was ist die Love of Neighbor Initiative? Was ist das Ziel?

Die Love of Neighbor Initiative ist ein Projekt des renommierten Human Flourishing Program an der Harvard University. Ziel ist es, das große Potenzial von Nächstenliebe für das Wohlbefinden von Individuen und Gemeinschaften sichtbar zu machen und gezielt zu fördern.

Das ist nötig, denn die Bedeutung von Liebe und Fürsorge in unserem Alltag wird in öffentlichen Diskursen und politischen Maßnahmen oft übersehen – wie die Initiative selbst feststellt: „Die Forschung ist überzeugend, und die Möglichkeiten für politische Maßnahmen und Förderung sind zahlreich. Damit wir einander besser lieben können, sind die Möglichkeiten nahezu endlos – aber ebenso endlos ist ihre Vernachlässigung.“ (Link)

Das Ziel der Initiative ist ambitioniert: Sie möchte Nächstenliebe als zentralen Bestandteil des menschlichen Wohlbefindens etablieren. Konkret verfolgt das Projekt vier Hauptstrategien, die es in den kommenden Jahren umsetzen möchte: Erstens die Förderung von Liebe in allen Arten von Beziehungen – von der Elternschaft über Schulen bis hin zu Freundschaften und Religionsgemeinschaften. Zweitens die bundesweit repräsentative Erfassung von Nächsten- und Feindesliebe, um zu verstehen, wie diese in der Gesellschaft verteilt sind und wie sie sich im Laufe der Zeit verändern. Drittens die Anerkennung von Liebe als sozialen Gesundheitsfaktor durch Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation und die American Psychiatric Association. Und viertens die Unterstützung von Kampagnen, die eine universelle Nächstenliebe fördern.

Wie ist das Konzept entstanden?

Die wissenschaftliche Grundlage der Initiative ist das Human Flourishing Program an der Harvard University, das 2016 gegründet wurde. Das Programm hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Wissen aus verschiedenen Disziplinen zu integrieren – mit dem Ziel, menschliches Wohlbefinden besser zu verstehen und zu fördern.

Ein entscheidender Impuls für die Arbeit kommt von Dr. Tyler J. VanderWeele, dem Gründer und Direktor des Human Flourishing Program. VanderWeele ist Professor für Epidemiologie an der Harvard T.H. Chan School of Public Health und hat einen bemerkenswerten akademischen Hintergrund: Er hält Abschlüsse in Mathematik, Philosophie, Theologie, Finanzen und Biostatistik. Diese einzigartige Kombination ermöglicht es ihm, die Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu schlagen, die das Programm auszeichnet.

Die Love of Neighbor Initiative selbst ist das Ergebnis der Erkenntnis, dass die traditionelle Forschung die Bedeutung von Nächstenliebe für das gesellschaftliche Wohlbefinden stark vernachlässigt hat. Inspiriert wurde sie durch philosophische und religiöse Traditionen, die Liebe als zentralen Wert betonen. Und die Initiative ist nicht allein akademisch. Sie wird in enger Zusammenarbeit mit Praktikern und Entscheidungsträgern umgesetzt, darunter Bürgermeister und nationale Führungskräfte, die mit innovativen Programmen gegen Einsamkeit und Misstrauen in ihren Gemeinden vorgehen.

Was sind die Kernelemente und wissenschaftliche Fundierung?

Die Arbeit der Love of Neighbor Initiative basiert auf einer fundierten wissenschaftlichen Methodik. Ein zentrales Element ist die Unterscheidung von zwei Arten der Nächstenliebe:

  • Unitive Liebe („Being With“): Das Verlangen nach Vereinigung mit dem anderen, eine tiefe Verbundenheit um ihrer selbst willen.
  • Contributory Love („Being For“): Das Verlangen nach dem Wohlergehen des anderen, auch wenn dies kein direktes Zusammenwirken erfordert.

Diese Differenzierung ist entscheidend, denn sie ermöglicht eine präzisere wissenschaftliche Erfassung von Liebe als bisher.

Um diese Theorie in die Praxis zu überführen, hat das Team einen standardisierten Fragebogen zur Messung von Nächstenliebe entwickelt. Dieser wurde in einer Studie mit über 10.000 Erwachsenen in Ländern wie den USA, Australien, Kanada und Großbritannien getestet und validiert. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlicht. Das Instrument legt den Grundstein für zukünftige empirische Studien über die Verteilung, Ursachen und Folgen von Nächstenliebe. Es soll auch in verschiedenen Kulturen und Kontexten anwendbar sein, wobei erste Tests in Ländern wie Indien, Kolumbien und Indonesien durchgeführt wurden.

„Liebe“ messen in Deutschland?

Direkt auf die „Love of Neighbor Initiative“ zugeschnittene Messverfahren gibt es in Deutschland derzeit nicht, aber deutsche Forschungseinrichtungen liefern einen wichtigen Beitrag zu diesem Feld.

Parallel zur internationalen Grundlagenforschung gibt es in Deutschland eigenständige Projekte, die versuchen, verwandte Konzepte wie „Nachbarschaftshilfe“ oder „sozialer Zusammenhalt“ zu messen. Diese Ansätze bieten praktische Einblicke, da sie direkt an konkreten Handlungen und Einstellungen ansetzen.

Ein Beispiel ist die Medizinische Hochschule Hannover (MHH), die die Nachbarschaftshilfe für schwer erkrankte Menschen untersucht. In einer Online-Befragung erforschen die Wissenschaftler:innen, welchen Beitrag Nachbarn und Nachbarinnen leisten und wie sie diese Hilfe erleben – eine direkte Annäherung an die Messung von „Contributory Love“.

Deutschland verfügt zudem über eine etablierte Forschungslandschaft, die den „sozialen Zusammenhalt“ misst. Forschende des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) und der Bertelsmann Stiftung haben hierfür komplexe Indikatoren-Sets entwickelt, die oft die Bereitschaft zu helfen und das Vertrauen in andere miteinschließen.

Die deutsche Forschung zeichnet sich durch eine methodisch vielfältige Herangehensweise aus. Neben quantitativen Umfragen, wie sie die Global Flourishing Study durchführt, kommen vermehrt qualitative Methoden zum Einsatz. Durch Tiefeninterviews, wie sie in Projekten zu „gelingender Nachbarschaftshilfe“ genutzt werden, wird das subjektive Erleben der Hilfeleistung und des Miteinanders erfahrbar.

Alle Ansätze stehen jedoch vor der gemeinsamen Herausforderung, ein so vielschichtiges und in verschiedenen Kulturen unterschiedlich verstandenes Konzept wie „Nächstenliebe“ valide zu erfassen. Die Lösung der Harvard-Forscher, Liebe in spezifische, messbare Dimensionen zu unterteilen, ist hierfür ein wichtiger und vielversprechender Weg.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es zwar kein deutsches Projekt gibt, das exklusiv Nächstenliebe nach dem Harvard-Modell misst. Die deutsche Forschung liefert jedoch auf mehreren Ebenen wichtige Puzzleteile: Sie beteiligt sich an der globalen Grundlagenforschung, untersucht die praktische Ausprägung von Nachbarschaftshilfe im Alltag und verfügt über eine etablierte Expertise zur Messung von sozialem Zusammenhalt.

Was kann man konkret vor Ort in deutschen Städten und Stadtteilen tun?

Die gute Nachricht: Man muss nicht in Harvard studieren, um die Ideale der Initiative in die Tat umzusetzen. In vielen deutschen Städten und Gemeinden gibt es bereits erfolgreiche Beispiele, die zeigen, wie Nächstenliebe und nachbarschaftliches Miteinander konkret aussehen können. Diese sechs Handlungsfelder bieten Orientierung:

  1. Quartiersbegegnung schaffen: Das Herzstück vieler Initiativen sind Orte der Begegnung. Gute Beispiele sind Nachbarschaftscafés, Gemeinschaftsgärten oder Repair-Cafés, wo Menschen zusammenkommen und sich austauschen können.
  2. Generationenübergreifende Solidarität: Projekte, die Alt und Jung verbinden, sind besonders wirksam. Mentoring-Programme, Alltagshilfen für ältere Menschen oder gemeinsame Sprachpatenschaften für Geflüchtete bauen Brücken und bekämpfen Einsamkeit.
  3. Sichtbare Vernetzung: Oft scheitert Engagement nicht am Willen, sondern an fehlender Organisation. Digitale Plattformen wie nebenan.de helfen, Nachbarschaften zu vernetzen. Lokale Netzwerke wie in Mötzingen, Ebern oder Friedberg zeigen, wie koordinierte Hilfe im Alltag gelingen kann.
  4. Praktische Alltagshilfen organisieren: Oft sind es die kleinen Gesten, die am meisten bewegen: der geliehene Rasenmäher, die Fahrgemeinschaft oder das gemeinsame Flohmarkt-Event im Hinterhof.
  5. Öffentliche Räume mitgestalten: Das Engagement für das Gemeinwohl kann auch bei der Verschönerung des Wohnumfelds beginnen. Von Spielplatzpatenschaften über Baumpflanzaktionen bis hin zu temporären Interventionen wie Hoffesten – all das stärkt den Zusammenhalt im Viertel.
  6. Bildung und Begegnung fördern: Nähcafés, Handwerkskurse, Ferienprogramme oder kleine Gesundheitsangebote bringen Menschen mit unterschiedlichen Interessen zusammen.

Viele dieser Ideen lassen sich mit überschaubarem Aufwand umsetzen. Das Ziel ist, „Beziehungswohlstand“ zu ermöglichen – ein Wort, das die Essenz der Love of Neighbor Initiative perfekt auf den Punkt bringt.

Wie kann man solche Projekte finanzieren?

Die gute Nachricht: Bund, Länder und Kommunen in Deutschland haben eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten für bürgerschaftliches Engagement und Nachbarschaftsprojekte eingerichtet. Oft sind die Einstiegshürden niedrig, und auch kleinere Initiativen können finanzielle Unterstützung erhalten. Hier sind die wichtigsten Optionen im Überblick:

  • Kleine Zuschüsse (bis ca. 500 €): Für einmalige Aktionen wie Straßenfeste oder Workshops gibt es oft lokale Nachbarschaftsfonds (z. B. in Elmshorn oder Oberschöneweide). Ein weiterer Ansatz sind Quartiersfonds, die in vielen Städten Projekte zur Verbesserung des sozialen Zusammenlebens unterstützen. Die Stiftung Mitarbeit vergibt zudem Starthilfezuschüsse von bis zu 500 Euro an kleinere lokale Organisationen und neue Initiativen.
  • Mittlere Zuschüsse (ca. 3.500 €): Für größere Sachmittel oder Veranstaltungen sind dies die passende Größenordnung. Beispiele dafür sind die FEIN-Einzelmaßnahmen in Berlin oder Angebote im Rahmen der Deutschen Nachbarschaftspreis-Förderung.
  • Größere Projektförderungen (ca. 30.000 €/Jahr): Wer umfangreichere Vorhaben mit Personal- und Sachkosten plant, findet hier Förderungen (z. B. FEIN-Pilotprojekte in Berlin). Die Landesregierung Rheinland-Pfalz unterstützt Nachbarschaftsprojekte in der Aufbauphase sogar mit bis zu 5.000 Euro.

Zwei besonders empfehlenswerte Ressourcen sind die nebenan.de Stiftung, die mit Initiativen wie dem „Deutschen Nachbarschaftspreis“ und dem „Tag der Nachbarschaft“ Engagement fördert und sichtbar macht, sowie die Online-Plattform nebenan.de selbst, die als soziales Netzwerk für Nachbarschaften deutschlandweit genutzt wird.

Fazit

Die Love of Neighbor Initiative der Harvard University liefert die wissenschaftliche Grundlage für eine uralte, aber hochaktuelle Idee: Nächstenliebe ist ein entscheidender Faktor für eine funktionierende Gesellschaft. Die deutsche Praxis zeigt, dass dies kein frommer Wunsch bleiben muss. Die unzähligen Beispiele erfolgreicher Nachbarschaftsprojekte in Städten und Gemeinden beweisen, dass das Konzept umsetzbar ist.

Städte, die ihre Zukunft neu denken, sollten daher den sozialen Zusammenhalt nicht länger als nettes Beiwerk betrachten. Sie müssen ihn als strategisches Ziel ihrer Stadtentwicklung begreifen. Indem sie Begegnungsorte schaffen, generationenübergreifende Projekte fördern und bürgerschaftliches Engagement systematisch unterstützen, investieren sie direkt in das Wohlbefinden und die Resilienz ihrer Bewohner und Bewohnerinnen.

Die Werkzeuge sind da: von den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Harvard-Studien bis zu den Fördertöpfen in deutschen Rathäusern. Jetzt liegt es an uns, sie zu nutzen – von der großen Vision einer „Zivilisation der Liebe“ bis zur einfachen Geste der Nachbarschaftshilfe vor der eigenen Haustür.

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