Ob Sportverein, freiwillige Feuerwehr, Kirchengemeinde, Kulturinitiative oder politische Partei: Viele Organisationen berichten seit Jahren vom gleichen Problem. Es wird schwieriger, Menschen zu finden, die Verantwortung übernehmen, langfristig mitarbeiten oder überhaupt regelmäßig teilnehmen möchten. Besonders deutlich zeigt sich das bei Vorstandsämtern, organisatorischen Aufgaben oder langfristigen Verpflichtungen. Viele Vereine klagen über Überalterung, fehlenden Nachwuchs und wachsende Belastung weniger Aktiver.
Dabei ist das Ehrenamt weit mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Es ist ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Infrastruktur. Gerade Städte und Gemeinden funktionieren nicht allein durch Verwaltung, Markt oder staatliche Institutionen, sondern durch Menschen, die sich freiwillig einbringen: in Vereinen, Initiativen, Nachbarschaften oder sozialen Projekten.
Wenn Städte zukunftsfähig werden sollen, gehört deshalb auch die Frage dazu: Wie muss gesellschaftliches Engagement künftig aussehen? Und warum geraten viele traditionelle Formen des Ehrenamts unter Druck?
Was sind Gründe für sinkendes Engagement im Ehrenamt?
Sinkendes Engagement im Ehrenamt hat meist nicht nur eine Ursache, sondern entsteht aus einem Zusammenspiel von Zeitdruck, gesellschaftlichem Wandel, institutionellen Problemen und veränderten Erwartungen. Die Forschung zeigt dabei ein recht konsistentes Bild.
Was dazu oft öffentlich diskutiert wird
Die wichtigsten Gründe in der öffentlichen Debatte:
- Zeitmangel und Verdichtung des Alltags
Viele Menschen arbeiten flexibler, aber auch unregelmäßiger und intensiver als früher. Doppelverdiener-Haushalte, Pendeln, Care-Arbeit und prekäre Beschäftigung reduzieren freie Zeitfenster für langfristige Vereinsarbeit. Besonders betroffen sind Menschen zwischen 30 und 50 Jahren. - Individualisierung statt langfristiger Bindung
Ehrenamt verändert sich von dauerhaften Verpflichtungen („20 Jahre Vereinsvorstand“) hin zu projektbezogenem, kurzfristigem Engagement. Menschen wollen sich häufiger flexibel engagieren und weniger feste Ämter übernehmen. Klassische Vereinsstrukturen verlieren dadurch Mitglieder und Funktionsträger. - Steigende Anforderungen im Ehrenamt
Viele Ehrenämter sind professioneller und bürokratischer geworden: Datenschutz, Förderanträge, Dokumentationspflichten, Haftungsfragen oder Konfliktmanagement erhöhen die Belastung. Gerade Leitungsfunktionen werden deshalb schwerer besetzt. - Demografischer Wandel
In vielen Regionen fehlen junge Menschen, während ältere Ehrenamtliche ausscheiden. Gleichzeitig sinkt in manchen Bereichen die soziale Einbindung über Kirche, Vereine oder Nachbarschaft. - Fehlende Anerkennung und Überforderung
Studien und qualitative Berichte zeigen, dass Ehrenamtliche sich oft als „selbstverständlich“ behandelt fühlen. Dazu kommen Konflikte in Vereinen, Machtkämpfe oder mangelnde Unterstützung. Das senkt die Bindung erheblich. - Soziale Ungleichheit
Menschen mit höherer Bildung und stabilerem Einkommen engagieren sich deutlich häufiger. Wer finanziell oder zeitlich unter Druck steht, beteiligt sich seltener. Ehrenamt hängt also stark von verfügbaren Ressourcen ab. - Wandel sozialer Normen
Forschung zu prosocial behavior zeigt, dass gesellschaftliche Normen entscheidend sind: Wenn freiwilliges Engagement kulturell weniger erwartet oder sichtbar ist, sinkt die Beteiligung.
Wichtig ist dabei:
Die Daten zeigen nicht einfach einen „Zusammenbruch“ des Ehrenamts. Der deutsche Freiwilligensurvey 2024 meldet zwar einen Rückgang gegenüber 2019 (von 39,7 % auf 36,7 %), gleichzeitig investieren aktive Ehrenamtliche heute oft mehr Zeit und Kontinuität in ihr Engagement.
Aus der Perspektive der Forschung
Die öffentliche Debatte konzentriert sich häufig auf die genannten Punkte. Die Forschung zeigt jedoch ein deutlich komplexeres Bild und hilft die Entwicklungen besser zu verstehen.
Ein wichtiger Faktor ist die Verdichtung moderner Lebensläufe. Berufliche Unsicherheit, flexible Arbeitszeiten, Pendeln, Doppelbelastungen durch Familie und Arbeit sowie häufige Wohnortwechsel erschweren langfristige Bindungen. Besonders klassische Vereinsmodelle entstanden historisch in einer Gesellschaft, in der Menschen oft jahrzehntelang am selben Ort lebten und arbeiteten.
Hinzu kommt ein kultureller Wandel. Viele Menschen möchten sich durchaus engagieren, aber eher projektbezogen, flexibel und zeitlich begrenzt statt in dauerhaften Ämtern oder starren Vereinsstrukturen. Studien legen nahe, dass nicht die Bereitschaft zu helfen sinkt, sondern eher die Bereitschaft, sich auf zeitintensive und schlecht organisierte Formen des Ehrenamts einzulassen.
Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende Bürokratisierung vieler Organisationen. Datenschutz, Dokumentationspflichten, Förderanträge, Haftungsfragen und organisatorische Anforderungen führen dazu, dass Ehrenamt teilweise wie Verwaltungsarbeit erlebt wird. Gerade Leitungsfunktionen wirken dadurch für viele unattraktiv.
Auch gesellschaftliche Individualisierung spielt eine Rolle. Früher entstanden Zugehörigkeit und soziale Bindung oft automatisch über Kirche, Nachbarschaft, Gewerkschaften oder Vereine. Heute sind Lebensläufe mobiler und fragmentierter. Gemeinschaft muss aktiver hergestellt werden.
Unterschiede zwischen Vereinen und Organisationen
Interessant ist ein Blick auf unterschiedliche Formen des Ehrenamt, denn die Unterschiede sind oft enorm. Sportverein, freiwilliger Feuerwehr, Kirche, Umweltinitiative usw. funktionieren unterschiedlich — nicht nur organisatorisch, sondern psychologisch und kulturell. Manche Formen des Ehrenamts halten Menschen jahrzehntelang, andere kämpfen permanent mit Fluktuation.
Ein zentraler Unterschied ist:
Verschiedene Organisationen befriedigen unterschiedliche menschliche Bedürfnisse — Gemeinschaft, Identität, Sinn, Spannung, Status, Spiritualität, Hilfe oder Selbstverwirklichung — in sehr unterschiedlicher Intensität.
Ein paar typische Muster als Beispiel:
Sportvereine

Stärken
- regelmäßige soziale Kontakte
- klare Aktivität statt abstrakter Sitzungen
- sichtbare Fortschritte
- Gemeinschaft über gemeinsame Praxis
- niedrigschwelliger Einstieg
Sportvereine funktionieren oft stabil, weil Menschen nicht primär wegen des Ehrenamts kommen, sondern wegen:
- Bewegung,
- Freundschaften,
- Wettbewerb,
- Spaß,
- Kindern.
Das Ehrenamt entsteht dann „nebenbei“.
Probleme
- Eltern engagieren sich oft nur solange die Kinder aktiv sind
- steigende Professionalisierung
- Konkurrenz durch Fitnessstudios und flexible Freizeitangebote
- hohe Belastung weniger Ehrenamtlicher
Typische Motivation
Zugehörigkeit + Aktivität + soziale Routine
Freiwillige Feuerwehr

Stärken
Die freiwillige Feuerwehr bindet oft außergewöhnlich stark. Gründe:
- hohe gemeinsame Intensität
- starke Gruppenidentität
- reale Verantwortung
- gesellschaftliches Prestige
- Kameradschaft
- Rituale und Traditionen
- klares „Wir“
Außerdem erleben Mitglieder dort häufig starke Selbstwirksamkeit:
„Ohne uns funktioniert es wirklich nicht.“
Das erzeugt enorme Bindung.
Probleme
- Nachwuchsmangel in ländlichen Regionen
- hohe zeitliche Anforderungen
- Vereinbarkeit mit Beruf
- psychische Belastungen
- Wegzug junger Menschen
Typische Motivation
Identität + Verantwortung + Kameradschaft + Sinn
Kirchen und religiöse Gemeinschaften

Früher starke Bindung
Kirchen waren historisch extrem starke Engagementräume, weil sie:
- Sinn,
- Moral,
- Gemeinschaft,
- Rituale,
- Generationenbindung,
- soziale Netzwerke
kombiniert haben.
Warum heute oft Rückgang?
- Säkularisierung
- Vertrauensverlust
- Individualisierung
- geringere soziale Verpflichtung
- schwächere lokale Milieus
Wenn religiöse Bindung sinkt, fällt oft auch das Ehrenamt weg, das daran gekoppelt war.
Trotzdem wichtig
Kirchliche Gruppen bleiben oft stark bei:
- Sozialarbeit,
- Nachbarschaftshilfe,
- Seniorenarbeit,
- Integration,
- Krisenhilfe.
Typische Motivation
Sinn + Gemeinschaft + moralische Orientierung
Umwelt- und politische Initiativen

Stärken
- starke Werteorientierung
- hohe emotionale Motivation
- Gefühl gesellschaftlicher Relevanz
- besonders attraktiv für jüngere Menschen
Diese Gruppen profitieren oft davon, dass Mitglieder ein Gefühl historischer Bedeutung erleben:
„Wir kämpfen für etwas Wichtiges.“
Probleme
- hohe Fluktuation
- Aktivismus-Burnout
- Konflikte
- weniger stabile Strukturen
- kurzfristige Mobilisierung statt langfristiger Bindung
Typische Motivation
Werte + Wirkung + gesellschaftliche Veränderung
Soziale Hilfsorganisationen

(z. B. Tafeln, Besuchsdienste, Rettungsdienste)
Stärken
- direkte sichtbare Hilfe
- hohe emotionale Sinnhaftigkeit
- Dankbarkeit der Betroffenen
Probleme
- emotionale Erschöpfung
- strukturelle Überforderung
- Gefahr, staatliche Defizite kompensieren zu müssen
Typische Motivation
Helfen + Mitgefühl + konkrete Wirkung
Der eigentliche Kern der Unterschiede
Organisationen unterscheiden sich stark darin, wie gut sie diese Dinge erzeugen:
| Faktor | Besonders stark bei |
|---|---|
| Gemeinschaft | Sportverein, Feuerwehr |
| Identität | Feuerwehr, religiöse Gruppen |
| Sinn | Kirche, Sozialarbeit |
| Spannung/Intensität | Feuerwehr, Aktivismus |
| Spaß | Sportvereine |
| Sichtbare Wirkung | Rettungsdienste, Sozialarbeit |
| Rituale | Feuerwehr, Kirche |
| Flexible Teilnahme | Umweltinitiativen |
| Langfristige Bindung | Feuerwehr, traditionelle Vereine |
Die erfolgreichsten Organisationen kombinieren oft mehrere dieser Ebenen gleichzeitig.
Ein wichtiger Unterschied ist außerdem:
Manche Organisationen erzeugen „dichte soziale Beziehungen“, andere hauptsächlich funktionale Mitarbeit.
Dichte Beziehungen halten Menschen viel länger.
Deshalb können zwei Vereine mit identischer Aufgabe völlig unterschiedlich stabil sein — je nachdem, ob dort echte Gemeinschaft entsteht oder nur Verwaltung.
Als kernthese kann man vielleicht sagen, die Leute kommen wegen „der Sache“, also Sport, Singen, Technik etc., erleben dann Gemeinschaft in der Gruppe und sind dann auch bereit sich in der Organisation zu engagieren, damit da Ganze funktioniert. Bei der Suche nach Aktiven werden oft Leute „für die Organisation“ gesucht, die dann natürlich auch Sport machen dürfen, mitsingen etc.
Was kann man tun, um wieder mehr Menschen zum Engagement zu bewegen?
Mehr Menschen für Ehrenamt zu gewinnen funktioniert laut Forschung vor allem dann, wenn Engagement einfacher, flexibler, sozial attraktiver und sichtbarer wird. Reine Appelle („Die Gesellschaft braucht euch!“) wirken deutlich schwächer als konkrete strukturelle Verbesserungen.
Wichtige Ansätze:
- Flexible statt lebenslange Verpflichtungen anbieten
Viele Menschen meiden Ehrenamt nicht wegen fehlender Bereitschaft, sondern wegen der Angst vor Dauerbindung. Erfolgreich sind:- Projektarbeit statt fester Ämter
- zeitlich begrenzte Einsätze
- „Mikro-Engagement“ (z. B. einzelne Aktionen)
- digitale Beteiligung
- Bürokratie reduzieren
Vereine verlieren viele Ehrenamtliche an Verwaltung: Datenschutz, Protokolle, Förderanträge, Haftungsfragen.
Maßnahmen:- zentrale digitale Tools
- hauptamtliche Unterstützung
- vereinfachte Förderverfahren
- klare Rollen statt „Du machst alles“
- Anerkennung sichtbarer machen
Menschen bleiben eher engagiert, wenn sie Wertschätzung erleben. Wirksam sind:- öffentliches Lob
- Zertifikate/Kompetenznachweise
- kleine Benefits
- echte Mitbestimmung
- Feedback-Kultur
- Engagement an Lebensphasen anpassen
Unterschiedliche Gruppen brauchen unterschiedliche Modelle:- Jugendliche: Gemeinschaft, Sinn, Erlebnisse
- Berufstätige Eltern: flexible Zeiten, Kinderbetreuung
- Ältere: soziale Einbindung und klare Aufgaben
- Direkte persönliche Ansprache
Einer der stärksten Prädiktoren für Engagement ist erstaunlich simpel: gefragt werden.
Viele engagieren sich erst, wenn jemand konkret anspricht:- „Kannst du bei diesem Projekt helfen?“
- „Wir brauchen genau deine Fähigkeiten.“
- Sinn und Wirkung sichtbar machen
Menschen engagieren sich stärker, wenn sie konkrete Ergebnisse sehen:- Wem wurde geholfen?
- Was hat sich verbessert?
- Warum ist die Aufgabe relevant?
- Junge Menschen früh einbinden
Wer bereits in Schule, Sportverein oder Jugendgruppen Verantwortung erlebt, engagiert sich später häufiger weiter. Deshalb gelten als besonders wirksam:- Service Learning
- Jugendparlamente
- Freiwilligenprojekte in Schulen
- Beteiligung statt reine Belehrung
- Engagement sozial attraktiv machen
Ehrenamt konkurriert heute mit Streaming, Social Media und individualisierten Freizeitangeboten. Gemeinschaft wird deshalb zentral:- Events
- Teamgefühl
- offene Kultur
- niedrigschwellige Treffen
- moderne Kommunikation
Die Forschung zeigt recht deutlich: Erfolgreiche Organisationen reduzieren Hürden und stärken soziale Bindung. Ebenso zentral ist Selbstwirksamkeit. Menschen engagieren sich eher dort, wo sie erleben:
„Mein Beitrag macht tatsächlich einen Unterschied.“
Organisationen verlieren hingegen häufig Ehrenamtliche durch endlose Sitzungen, starre Hierarchien oder symbolische Beteiligung ohne reale Gestaltungsmöglichkeiten.
Was ist mit „Gemeinschaft“?
Gemeinschaft gehört wahrscheinlich zu den am meisten unterschätzten Faktoren in der Debatte über Ehrenamt. Viele Studien zeigen: Menschen engagieren sich selten nur aus abstraktem Pflichtgefühl — sie engagieren sich, weil sie sich zugehörig fühlen.
Das betrifft mehrere Ebenen:
- Ehrenamt entsteht oft aus Beziehungen, nicht aus Idealen
Der häufigste Einstieg ist nicht: „Ich will der Gesellschaft dienen.“ Sondern: „Da kenne ich Leute.“
„Meine Freunde sind dort.“
„Ich wurde mitgenommen.“ Sozialwissenschaftlich nennt man das soziales Kapital oder soziale Einbettung. Robert D. Putnam beschreibt in Bowling Alone, dass sinkende Gemeinschaftsbindungen direkt mit sinkender gesellschaftlicher Beteiligung zusammenhängen. - Moderne Gesellschaften haben weniger stabile Gemeinschaften
Früher kamen Gemeinschaftsstrukturen oft automatisch:- Kirche
- Nachbarschaft
- Großfamilie
- Gewerkschaften
- Vereine
- langjährige Arbeitsplätze
- Menschen bleiben wegen der Gemeinschaft
Viele Untersuchungen zeigen:
Der wichtigste Faktor für langfristiges Engagement ist oft nicht die Sache selbst, sondern:- Freundschaften
- Anerkennung
- Gruppengefühl
- gemeinsame Rituale
- emotionale Verbundenheit
- Einsamkeit und Engagement hängen zusammen
Interessanterweise kann Gemeinschaft gleichzeitig Ursache und Lösung sein:- Einsamkeit reduziert gesellschaftliche Beteiligung
- Engagement reduziert wiederum Einsamkeit
- Gemeinschaft muss heute aktiv hergestellt werden
Früher war Zugehörigkeit oft selbstverständlich. Heute müssen Organisationen sie bewusst erzeugen:- offene Treffen
- gemeinsames Essen
- informelle Räume
- Willkommenskultur
- generationsübergreifende Kontakte
- echte Teilhabe
- Gemeinschaft konkurriert heute mit digitalen Alternativen
Online-Communities können Zugehörigkeit schaffen — manchmal sehr stark. Gleichzeitig ersetzen sie teilweise lokale Bindungen. Das verändert Ehrenamt:- weniger ortsgebundene Loyalität
- mehr kurzfristige Netzwerke
- mehr thematische statt lokale Zugehörigkeit
Eine wichtige Erkenntnis aus der Engagementforschung lautet ungefähr:
Menschen engagieren sich dauerhaft dort, wo sie sich gesehen, gebraucht und verbunden fühlen.
Darum scheitern viele Rekrutierungskampagnen: Sie werben mit „Hilfe“ oder „Pflicht“, aber nicht mit Zugehörigkeit, Freundschaft und gemeinsamem Erleben — obwohl genau das oft der eigentliche Motor ist.
Viele traditionelle Organisationen funktionierten lange Zeit deshalb gut, weil sie nicht nur Aufgaben verwalteten, sondern soziale Räume schufen. Gerade moderne Städte stehen hier vor einer zentralen Herausforderung. Urbanisierung, Mobilität und digitale Lebenswelten schaffen zwar neue Freiheiten, reduzieren aber oft langfristige lokale Bindungen. Gemeinschaft entsteht heute weniger automatisch und muss bewusster gestaltet werden.
Was sind andere Faktoren wie „Gemeinschaft“?
„Gemeinschaft“ gehört zu einer tieferen Ebene von Faktoren, die oft unterschätzt werden, weil Debatten über Ehrenamt schnell bei Zeitmangel, Bürokratie oder Demografie landen. Diese Dinge sind real — aber sie erklären oft nicht, warum Menschen sich emotional überhaupt binden wollen.
Einige dieser tieferen Faktoren:
- Sinn und existenzielle Bedeutung
Viele Menschen suchen nicht nur Beschäftigung, sondern das Gefühl:- gebraucht zu werden,
- Teil von etwas Größerem zu sein,
- Wirkung zu haben.
- Vertrauen (social trust)
Gesellschaftliches Vertrauen ist enorm wichtig:- Vertrauen in andere Menschen
- Vertrauen in Institutionen
- Vertrauen, dass Einsatz fair behandelt wird
oder
„Andere nutzen mich nur aus“, sinkt Engagement stark. Länder mit hohem sozialen Vertrauen haben meist auch höhere Beteiligung an Vereinen und Freiwilligenarbeit. - Selbstwirksamkeit
Menschen engagieren sich eher, wenn sie glauben: „Mein Beitrag macht tatsächlich einen Unterschied.“ Viele Organisationen verlieren Ehrenamtliche, weil Strukturen lähmen:- endlose Diskussionen,
- langsame Entscheidungen,
- symbolische Beteiligung ohne Einfluss.
- Kulturelle Vorbilder und soziale Normen
Engagement ist teilweise kulturell erlernt.
Wenn Kinder erleben:- Eltern engagieren sich,
- Nachbarn helfen mit,
- Beteiligung gilt als normal,
- Rituale und emotionale Bindung
Das klingt weich, ist aber sozialpsychologisch stark:- gemeinsame Feste,
- Traditionen,
- Symbole,
- Musik,
- gemeinsame Geschichten,
- wiederkehrende Treffen
- Status und Anerkennung
Menschen wollen nicht nur „helfen“, sondern auch soziale Bedeutung erfahren:- respektiert werden,
- Kompetenz zeigen,
- Einfluss haben,
- Teil einer angesehenen Gruppe sein.
- Stabilität und Verwurzelung
Engagement braucht oft langfristige Bindung an Ort oder Milieu.
Hohe Mobilität erschwert:- lokale Verantwortung,
- langfristige Beziehungen,
- institutionelle Loyalität.
- Gemeinsame Identität statt bloßer Organisation
Sehr erfolgreiche Gruppen erzeugen oft ein Gefühl von: „Wir sind jemand.“ Nicht nur: „Wir verwalten einen Verein.“ Das sieht man bei:- freiwilligen Feuerwehren,
- Rettungsdiensten,
- manchen Sportvereinen,
- religiösen Gemeinschaften,
- politischen Bewegungen.
- Freude und Lebendigkeit
Überraschend viele Ehrenamtsdebatten reden fast nur über Pflicht.
Aber Menschen bleiben oft wegen:- Spaß,
- Energie,
- gemeinsamen Erlebnissen,
- Humor,
- Intensität.
- Gefühl gesellschaftlicher Wirksamkeit insgesamt
Wenn Menschen das Gefühl bekommen, gesellschaftliche Entwicklungen seien ohnehin unkontrollierbar oder Entscheidungen würden „oben“ getroffen, sinkt lokale Beteiligung häufig ebenfalls.
Beteiligung braucht das Gefühl:
„Gemeinsames Handeln verändert tatsächlich etwas.“
Ein interessanter Punkt der neueren Forschung und Sozialtheorie ist deshalb:
Ehrenamt hängt nicht nur von Ressourcen ab, sondern von sozialer Bindung, kultureller Bedeutung und emotionaler Resonanz.
Oder einfacher gesagt: Viele Menschen hätten theoretisch Zeit für kleine Beiträge. Aber sie finden oft keinen Ort mehr, der sich wirklich nach Zugehörigkeit, Sinn und gemeinsamer Wirkung anfühlt. Auf jeedn Fall bleiben Menschen nicht wegen Satzungen oder Verwaltungsaufgaben, sondern wegen gemeinsamer Erlebnisse, Humor, Aktivität und Lebendigkeit!
Fazit
Die Diskussion über Ehrenamt konzentriert sich oft auf fehlende Zeit oder mangelnde Bereitschaft. Die Forschung zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild.
Nicht unbedingt die Bereitschaft zu helfen oder sich einzubringen sinkt, sondern eher die Bereitschaft, sich auf starre, zeitintensive und schlecht organisierte Formen des Ehrenamts einzulassen. Engagement verändert seine Form.
Viele Organisationen reagieren darauf bislang zu wenig. Sie stellen Verwaltung, Gremienarbeit und organisatorische Abläufe in den Mittelpunkt – also genau jene Aspekte, die für viele Menschen am wenigsten motivierend sind.
Zukunftsfähige Vereine, Initiativen und Organisationen werden sich deshalb stärker fragen müssen:
- Wie entsteht Gemeinschaft?
- Wie erleben Menschen Sinn und Wirkung?
- Wie schaffen wir echte Beteiligung?
- Wie ermöglichen wir flexible Formen des Mitmachens?
- Wie reduzieren wir organisatorische Hürden?
Gerade für die Zukunft unserer Städte ist das entscheidend. Denn lebendige Städte entstehen nicht allein durch gute Planung oder Infrastruktur, sondern durch Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen und sich als Teil eines gemeinsamen gesellschaftlichen Raums erleben.
Quellen und „zum Weiterlesen“:
- Freiwilliges Engagement in Deutschland: Der Deutsche Freiwilligensurvey – Standardwerk zur Entwicklung des Ehrenamts in Deutschland. Verschiedene Ausgaben 2014, 2019, 2024
- Voluntary Sector Research: „Time to Volunteer: Changing Determinants and Correlates for Time Contributions to Voluntary Activities“ (2024) untersucht speziell sinkende Zeitressourcen und veränderte Engagementformen.
- „Monitoring Civil Society. The German Survey on Volunteering 1999–2019“ bietet Langzeitdaten zur Entwicklung des Ehrenamts in Deutschland.
- Simonson, Vogel & Tesch-Römer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland
Springer Fachbuch - Robert D. Putnam: Bowling Alone
Bowling Alone - Engagementstrategie der Bundesregierung

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.