In einem alten Buch entsteht als Hologramm die Vision einer modernen Stadt - ini Anspielung an die Zukunftsworkshops der Phantastischen Bibliothek Wetzlar

Zukunftswerkstatt Literatur: Wie die Phantastische Bibliothek Wetzlar mit Science-Fiction Städte und Klein(städte) voran denkt

Eine Bibliothek als Zukunftslabor

Die Phantastische Bibliothek Wetzlar ist mit über 330.000 Medien eine der weltweit größten Sammlungen phantastischer Literatur – ein Archiv der menschlichen Zukunftsphantasien. Doch sie ist mehr als ein Büchertempel: Sie nutzt ihre einzigartigen Bestände an Science-Fiction, Utopien und Dystopien als aktivierendes Werkzeug für Zukunftsfragen. Ihre speziell entwickelten Workshops übersetzen literarische Visionen in konkrete Denk- und Planungsprozesse – eine Methode, die gerade für kleinere Städte mit begrenzten Ressourcen inspirierende Impulse bieten kann.

Literatur als Denklabor

Die Grundidee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Phantastische Literatur dient als „Testfeld“ für mögliche Zukünfte. Ob ein Roman über eine komplett digitalisierte Stadt, eine Erzählung über nachhaltiges Gemeinschaftsleben oder eine Dystopie über gescheiterte Infrastruktur – diese Szenarien bieten gedankliches Material, das sich auf reale kommunale Herausforderungen übertragen lässt. Die Bibliothek versteht sich damit als Katalysator für „Future Literacy“, also die Fähigkeit, Zukünfte nicht als feststehend zu betrachten, sondern sie aktiv zu imaginieren und zu gestalten.

Von Science-Fiction zur Stadtvision: Wie die Phantastische Bibliothek Wetzlar Zukunft denkt

Mögliche Workshop-Themen und Formate

Die Workshops sind maßgeschneidert und behandeln Themen mit direktem Stadtbezug:

  • Themen für kleinere Städte:
    • Leerstand und Neunutzung: Inspiriert von „Re-Use“-Utopien.
    • Digitale Teilhabe & ländlicher Raum: Angelehnt an SF-Szenarien zu vernetzten Gemeinschaften.
    • Klimaanpassung im Quartier: Basierend auf Climate-Fiction („Cli-Fi“).
    • Zusammenleben und Diversität: Reflektiert durch multikulturelle Zukunftsgesellschaften aus der Literatur.
    • Mobilitätswende: Angeregt durch visionäre Verkehrskonzepte.
  • Typische Formate:
    • Eintägige Zukunftswerkstätten für Stadtverwaltungen, Gemeinderäte oder Bürgerinitiativen.
    • Projektwochen-Module für Schulen oder Berufsschulen.
    • Kompakt-Seminare im Rahmen von Stadtentwicklungskonferenzen.
    • Kreative Schreibwerkstätten, die eigene Zukunftsvisionen für den Heimatort entwerfen.

Workshop-Design: Vom Buch zur Strategie

Das erprobte Design folgt einem klaren, partizipativen Dreiklang:

  1. Impulsphase (Aus der Fiktion):
    • Kurze, gezielte Text- oder Filmausschnitte aus der Sammlung der Bibliothek werden vorgestellt.
    • Beispiel: Ein Abschnitt aus einem Roman über eine „essbare Stadt“ oder eine Szene über ein gemeinschaftliches Mobilitätsnetz.
  2. Analyse- und Transferphase (In die Realität):
    • Die literarische Vision wird diskutiert: Welche Elemente sind relevant für unsere Stadt? Was ist utopisch, was realistisch? Wo lauern Risiken?
    • Methode: „Was-wenn“-Fragen leiten den Transfer ein: „Was wäre, wenn wir diesen Ansatz in unserem leerstehenden Ortskern dächten?“
  3. Kreativ- und Gestaltungsphase (Eigene Vision):
    • Die Teilnehmenden entwickeln in Gruppen eigene, konkret auf ihre Kommune zugeschnittene Szenarien.
    • Konkrete Methoden: Erstellung von „Zukunftsprotokollen“ (fiktive Zeitungsartikel aus dem Jahr 2040), Zeichnen von „Stadtplan-Skizzen der Zukunft“ oder Rollenspiele in fiktiven Bürgerräten.

Ziele: Mehr als nur Ideenfindung

Die Workshops zielen auf tiefgreifende Kompetenzen ab:

  • Visionäres Denken fördern: Den Horizont über die tagesaktuellen Herausforderungen hinaus erweitern.
  • Proaktive Haltung stärken: Vom Reagieren zum Gestalten kommen.
  • Komplexität aushalten: Widersprüchliche Zukunftsmöglichkeiten (Chancen/Risiken) gleichzeitig denken lernen.
  • Narrative Kompetenz aufbauen: Gemeinsame, erzählbare Zukunftsbilder entwickeln, die eine Gemeinde tragen kann.
  • Handlungsoptionen identifizieren: Konkrete erste Schritte aus den Visionen ableiten.

Ansprechpartner und Umsetzung

Workshops können direkt bei der Phantastischen Bibliothek Wetzlar angefragt werden. Das Team aus Literaturwissenschaftler:innen und erfahrenen Kulturvermittler:innen entwickelt Formate in enger Absprache mit den kommunalen Partnern. Die Bibliothek kooperiert regelmäßig mit Schulen, Volkshochschulen, Stadtverwaltungen und Landesinstituten. Die Kosten und der Umfang (von kurzen Impulsvorträgen bis zu mehrtägigen Prozessbegleitungen) sind individuell vereinbar.

Fazit: Ein kostbarer Methodenschatz für kleinere Kommunen

Die Methode der Phantastischen Bibliothek bietet kleineren Städten einen kostengünstigen, kreativen und tiefgründigen Zugang zur Zukunftsgestaltung. Sie nutzt die Kraft des Narrativen, um sperrige Fachthemen emotional zugänglich zu machen und bürgerschaftliche Beteiligung zu aktivieren. In einer Zeit schnellen Wandels ist diese Fähigkeit, mittels literarischer Gedankenspiele robuste und lebenswerte Zukünfte zu entwerfen, ein echter strategischer Vorteil – weit über das klassische Planungsinstrumentarium hinaus.


Die Phantastische Bibliothek Wetzlar: Was noch?

Neben den Zukunftswerkstätten ist die Bibliothek ein vielfältiger kultureller und wissenschaftlicher Leuchtturm:

  • Forschungsarchiv: International genutztes Archiv für Wissenschaftler:innen, die zu Utopie, Science-Fiction oder narrativer Zukunftsforschung arbeiten.
  • Kulturelles Programm: Regelmäßige Lesungen, das jährliche Wetzlarer Festival der Phantastik, Ausstellungen und Symposien.
  • Preisvergabe: Die Bibliothek ist Mitausrichterin bedeutender Preise wie des Deutschen Science Fiction Preises.
  • Öffentliche Bibliothek: Als Spezialbibliothek steht sie allen Interessierten offen – zum Stöbern, Entdecken und für den literarischen Brückenschlag zwischen Gestern, Heute und Morgen.

Für kleinere, aber auch größere Städte, die neue Wege in der partizipativen Zukunftsgestaltung suchen, ist die Kooperation mit dieser einzigartigen Institution eine Entdeckung wert. Sie verbindet die Tiefe des kulturellen Erbes mit der praktischen Kraft für morgen.


Quellen:

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