Warum sollen Städte ein Interesse daran haben, dass sich bei ihnen möglichst viele Unternehmen ansiedeln? Die einfache Anwort lautet natürlich: Die Gewerbesteuer! Aber es gibt noch mehr gute – und vielleicht sogar bessere – Gründe, die Wirtschaft in der eigenen Gemeinde besonders im Blick zu halten.
Die „Gewerbesteuer“ ist als Antwort auf die Ausgangsfrage naheliegend. Sie ist die wichtigste und originäre Einnahmequelle für Gemeinden und ein erheblicher Teil der Gewerbesteuer bleibt auch vor Ort. Die Kommune kann die Höhe der Einnahmen durch die Festlegung des Hebesatzes selbst bestimmen. Allerdings muss sie hier abwägen. Ist der Hebesatz zu hoch, könnten die Unternehmen abwandern und sich eine Gemeinde suchen, die ihnen bessere Konditionen bietet.
Allerdings gibt es eine Umlagepflicht und ein Teil der Einnahmen wird über den Kommunalen Finanzausgleich wieder zwischen reicheren und finanzschwächeren Gemeinden umverteilt bzw. an das Land abgeführt. Man kann grob davon ausgehen, dass weniger als die Hälfte der Einnahmen unmittelbar in der Gemeinde bleiben.
Gibt es noch mehr gute Gründe für die Ansiedlung von Unternehmen in der eigenen Gemeinde?
Es gibt tatsächlich viele sehr handfeste Gründe, warum Städte von einer hohen Zahl an Unternehmen profitieren. Über den kommunalen Finanzausgleich fließt ein guter Teil der Einnahmen wieder ab, aber mit den folgenden Gründen ist die Ansiedlung von Unternehmen auch ganz ohne Gewerbesteuer sinnvoll.
1. Mehr Arbeitsplätze → stabilere Stadtgesellschaft
Unternehmen schaffen Arbeitsplätze vor Ort. Und mehr Arbeitsplätze führen zu einer stabileren Stadtgesellschaft, weil sie zentrale soziale, ökonomische und politische Spannungen reduzieren, die Kommunen sonst dauerhaft belasten. Menschen mit Arbeit sind stärker im Stadtleben verankert, zum Beispiel über Vereine, Elternarbeit, Nachbarschaften etc. Arbeitsplätze schaffen tägliche Routinen, soziale Netzwerke, Anerkennung und Status sowie Zugehörigkeit zu einer lokalen Struktur. Zudem gibt es weniger Bedarf an Sozialleistungen wie Bürgergeld, Wohngeld etc., das spart zusätzlich Verwaltungsaufwand und sorgt für weniger soziale Spannungen in den Quartieren.
- weniger Pendelverkehr → weniger Stau, weniger Emissionen
- Menschen wohnen näher an ihrem Arbeitsplatz → stärkere Bindung an die Stadt
- geringere Arbeitslosigkeit → weniger soziale Folgekosten (z. B. Sozialhilfe)
- Zukunftserwartungen stabilisieren
- Politische Stabilität beginnt im lokalen Arbeitsmarkt
- Arbeit ist der stärkster Integrationsfaktor bei hoher Migration
2. Kaufkraft bleibt in der Stadt (lokale Wertschöpfung)
Arbeitsplätze in der eigenen Gemeinde sorgen dafür, dass Einkommen, Ausgaben und Investitionen räumlich gebunden bleiben und sich mehrfach innerhalb der Stadt bewegen (zum Beispiel Miete, Lebensmittel, Gastronomie, Freizeit, Handwerk, etc). So entsteht lokale Wertschöpfung und Kaufkraft fließt nicht aus der Wohnstadt ab. Letzendlich kann man sagen: Jeder Pendler ist potenziell Kaufkraftverlust!
Zudem kaufen auch Unternehmen vor Ort ein, indem sie lokale Dienstleister beauftragen, lokale Handwerksbetriebe und regionale Anbieter nutzen. Nichtzuletzt stärkt das auch die Einzelhandelsstrukturen und sorgt für lebendige Innenstädte.
- Löhne, Honorare, Aufträge an lokale Dienstleister (Handwerk, IT, Reinigung, Catering, Marketing) sorgen für lokale Einkommen
- Abflüsse werden reduziert
- Wertschöpfung multipliziert sich
- Kommunen profitieren von höheren Anteilen an Einkommenssteuer
Je mehr Unternehmen vor Ort sind, desto weniger Kaufkraft fließt nach außen ab. Arbeitsplätze binden Einkommen, Einkommen binden Ausgaben, Ausgaben stabilisieren städtische Strukturen. Eine vielfältige Wirtschaftsstruktur verstärkt den Effekt.
3. Attraktivität für Fachkräfte & Familien
Unternehmen ziehen Menschen an, und Menschen ziehen wiederum weitere Unternehmen an:
- Fachkräfte entscheiden sich eher für Städte mit vielen Joboptionen
- Partner und Partnerinnen finden ebenfalls Arbeit (Dual-Career-Effekt)
- Wo viele Fachkräfte und Familien leben entstehe Kitas und Schulen, der ÖPNV wird dichter, die medizinische Versorgung verbessert sich, Freizeit- und Kulturangebote wachsen
- kurze Wege, weniger Pendelzeit bringen eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, mehr Zeit für Kinder, weniger Stress
- Familien profitieren von stabiler Infrastruktur
- Soziale Milieus ziehen Gleichgesinnte an
- Kommunen gewinnen Planungssicherheit
- Zuzug erzeugt Image – nicht umgekehrt!
Die Stadt wird demografisch stabiler und oft jünger. Städte mit breitem Arbeitsmarkt senken Risiken, erhöhen Optionen und stabilisieren Lebensplanung – genau das suchen Fachkräfte und Familien. Menschen ziehen nicht wegen der Stadt zu – sie bleiben wegen der Arbeit.
4. Bessere Infrastruktur – auch ohne direkte Steuern
Unternehmen verbessern die kommunale Infrastruktur nicht primär durch Steuern, sondern durch Nachfrage, Planungssicherheit und Ko-Investitionen.
Unternehmen sorgen indirekt für:
- besseren ÖPNV (mehr Nachfrage)
- schnelleren Netzausbau (Glasfaser, Mobilfunk)
- bessere medizinische Versorgung
- mehr Bildungsangebote (z. B. duale Studiengänge, Weiterbildung)
- Für Förderungen aus Landes- oder Bundesmitteln sowie EU-Förderungen sind Unternehmen der wichtigste nachweis für eine dauerhafte Nutzung
- Unternehmen beteiligen sich an der Infrastruktur mit Betreibskitas, Mobilitätskonzepten, Energie- und Wärmenetzen etc. Das senkt kommunale Kosten.
- Eine hohe Infrastrukturqualität zieht weitere Unternehmen an.
Viele dieser Investitionen lohnen sich erst ab einer gestimmten Nutzerzahl. Mehr Arbeitsplätze sorgen für mehr Nutzer, bessere Kostendeckung und geringere Zuschussbedarfe.
5. Innovation & Wissensspillover
Räumliche Nähe von Unternehmen, Beschäftigten und Institutionen erzeugt Innovation und Wissensspillover, weil Wissen nicht vollständig formalisierbar ist und sich vor allem durch persönliche Interaktion, Arbeitsmobilität und geteilte Problemlagen verbreitet. Wissen überträgt sich am besten durch räumliche Nähe, denn diese Nähe führt zu zufälligen Begegnungen, informellen Gesprächen und Netzwerken außerhalb formeller Strukturen.
Wenn viele Unternehmen vor Ort sind:
- tauschen sich Menschen informell aus
- Mitarbeitende wechseln zwischen Firmen und verbreiten dadurch ihr Wissen „Wissen zirkuliert“
- Wettbewerb zwischen den Unternehmen erzeugt Lern- und Innovationsdruck
- Kooperationen entstehen (Startups ↔ Mittelstand ↔ Forschung)
- Räumliche Nähe schafft niedrigere Transaktionskosten für Innovationen durch die Senkung von Suchkosten, Abstimmungsaufwand etc.
- Einmal entstandene Wissenräume ziehen weitere Unternehmen an, spezialisieren sich weiter und entwickeln eine Innovationskultur
Das nennt man Wissensspillover. Innovation entsteht nicht isoliert, sondern räumlich gebündelt.
6. Resilienz in Krisen
Eine vielfältige lokale Wirtschaftsstruktur erhöht die Krisenresilienz einer Stadt, weil sie Risiken verteilt, Anpassung ermöglicht und soziale sowie fiskalische Schocks abmildert. Mit einer vielfältigen Wirtschaftsstruktur treffen Krisen nicht alle Branchen gleichzeitig und es findet ein schneller Ausgleich auf dem Arbeitsmarkt statt.
Städte mit vielen Unternehmen:
- erholen sich schneller nach wirtschaftlichen Schocks
- sind weniger abhängig von einzelnen Großarbeitgebern
- können Arbeitskräfte besser „auffangen“, d.h. Beschäftige finden in Krisen schneller etwas Neues
- Resiliente Kommunen verlieren in Krisen nicht alle Einnahmen gleichzeitig
Vielfalt schafft Puffer, Nähe schafft Anpassung, Beschäftigung schafft Stabilität. Resiliente Städte fallen nicht weniger – sie stehen schneller wieder auf!
7. Stadtleben & Lebensqualität
Städte leben von Anwesenheit von Menschen, nicht von Architektur! Stadtleben und Lebensqualität entstehen dort, wo genügend Menschen regelmäßig präsent sind, Einkommen zur Verfügung steht und Nutzungsmischung möglich ist. Unternehmen und Arbeitsplätze erzeugen genau diese Voraussetzungen.
- Unternehmen sorgen für tägliche Einpendlerinnen, ganztägige Nutzung von Quartieren, Belebung von Plätzen, Straßen und Innenstädten (und das nicht nur abends oder am Wochenende)
- Belebung erhöht subjektive Sicherheit und Aufenthaltsqualität
- Kulturpolitik funktioniert nur mit wirtschaftlicher Basis. Unternehmen erzeugen Nachfrage nach: Gastronomie, Kultur, Events, Freizeitangeboten, Theater, Clubs, Sport- und Freizeitangeboten etc.
- Innenstädte werden lebendig; Leerstand, Verödung und Abwanderung werden so verhindert.
- Nutzungsmischung als Kernkritierium urbaner Lebensqualität. Unternehmen ermöglichen eine Mischung aus Arbeiten, Wohnen, Konsum und Freizeit
- Vielfalt der Menschen erzeugt urbane Qualität. Unternehmen ziehen unterschiedliche Altersgruppen, Bildungsniveaus, kreative Milieus, Fachkräfte aus anderen Ländern an.
- Zeit ist ein zentraler Faktor von Lebenszufriedenheit durch kürzere Arbeitswege, weniger Pendelstress, mehr Freizeit
- Nutzung öffentlicher Räume ermöglichen Pflege und Entwicklung von Plätzen und Grünflächen, gewährleistet Sauberkeit und Sicherheit
- Lebensqualität schafft Identifikation mit der Stadt und das stärlt sozialen Zusammenhalt
- Lebendige Städte ziehen Leben an. Lebensqualität ist ein Verstärker, kein Nebenprodukt.
Arbeit bringt Menschen, Menschen bringen Leben und Leben schafft Qualität.
8. Politische & strategische Bedeutung
Städte mit vielen Unternehmen und Arbeitsplätzen haben mehr politischen Einfluss und strategische Handlungsfähigkeit, weil sie als leistungsfähig, unverzichtbar und zukunftsrelevant gelten. Wirtschaftskraft schafft politisches Gewicht und Städte mit starker Wirtschaft gelten als systemrelevant, leistungsfähig, stabil etc.
- Wirtschaftsstarke Städte haben mehr Einfluss auf Landes- und Bundespolitik
- Sie haben bessere Chancen bei Förderprogrammen, denn die fließen dorthin, wo sie wirken und sichtbar sind.
- Wirtschaftsstarke Städte werden strategischer Partner und sind weniger Bittsteller.
- Wer wirtschaftlich stark ist, gestaltet – wer schwach ist, wird gestaltet.
- Wirtschaftsstarke Städte können politische Entscheidungen besser legitimieren. Entscheidungen wirken rational, nicht ideologisch.
- Sie sind für politische Akteure attraktiv. Folge ist mehr politische Präsenz, bessere Netzwerke, direkter Zugang zu Entschdigungsträgern.
- Eine wirtschaftliche Basis ermöglicht eine langfristige Stadtstrategie, auch über Wahlperioden hinweg und konsistente Strategien für Klima, Mobilität, Bildung etc.
- Sie gewinnen an politischer Bedeutung für Investoren, intenationale Partner, Städtepartnerschaften etc. Sichtbarkeit ist strategischer Vorteil.
- Sie schafft mehr Gestaltungsspielraum für Stadtentwicklung
Wirtschaftskraft erzeugt Relevanz, Relevanz erzeugt Einfluss, Einfluss ermöglicht Gestaltung.
Fazit
Die Ansiedlung von Unternehmen hat für die Entwicklung einer Stadt eine zentrale Bedeutung, die weit über die reinen Gewerbesteuereinnahmen hinausgeht. Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, binden Kaufkraft vor Ort und stabilisieren damit die soziale Struktur einer Stadt. Durch Beschäftigung entstehen Planungssicherheit für Haushalte, geringere soziale Folgekosten und eine höhere Attraktivität für Fachkräfte und Familien. Gleichzeitig sichern Unternehmen die Nachfrage nach Infrastruktur, Bildung, Wohnraum, Kultur und öffentlichem Leben und tragen so wesentlich zu Lebensqualität und urbaner Vitalität bei.
Darüber hinaus stärken Unternehmen die strategische und politische Handlungsfähigkeit einer Kommune. Eine vielfältige Wirtschaftsstruktur erhöht die Krisenfestigkeit, fördert Innovation und Wissensaustausch und verbessert die Position der Stadt im Wettbewerb um Fördermittel, Investitionen und öffentliche Infrastruktur. Unternehmen machen Stadtentwicklung planbar, ermöglichen langfristige Strategien und verleihen der Kommune größeres Gewicht gegenüber Land, Bund und EU. Damit sind Unternehmensansiedlungen ein zentraler Hebel für nachhaltige, resiliente und gestaltende Stadtentwicklung.
Dabei sollte auch klar sein, dass das Ganze nicht einfach und per Knopfdruck zu haben ist. Zudem ist ein Gelingen von vielen Aspekten abhängig – nichtzuletzt auch von der Größe der Gemeinde. Je kleiner eine Gemeinde ist, umso schwieriger wird es zum Beispiel „ein diverses“ Umfeld herzustellen mit vielen Unternehmen und Mitarbeitern auch der ganzen Welt. Allerdings ist hier auch wieder die Kreativität gefragt. Über Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen, durch gemeinsame Entwicklung etc. lässt sich aber auch hier doch ein kleines bisschen was bewegen.

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